Leseprobe Witchmaid

 

»Oh nein! Nicht schon wieder!«

Nadja schaute auf die Scherben der wertvollen Vase zu ihren Füßen. Seit einem Jahr arbeitete sie im Hotel »Der goldene Löwe« und hatte in dieser Zeit als Zimmermädchen bereits so einiges zerbrochen. Gläser, Teller und Kristallaschenbecher standen auf der Liste ganz oben. Leider war sie nicht besonders geschickt. Schon während ihrer Schulzeit hatte es oft den Anschein gehabt, als hätten ihre Finger einen ganz eigenen Willen. Es war wie verhext.

Falls Angelika, die Chefin der Zimmermädchen, erfuhr, dass abermals etwas zu Bruch gegangen war, würde sie garantiert auf der Straße landen. Angst machte sich in Nadja breit. Sie wollte sich nicht schon wieder in die endlose Schlange vor dem Arbeitsamt einreihen müssen. Schlimm genug, dass sie nach zwei abgeschlossenen Berufsausbildungen keinen Job gefunden hatte. Mit fünfundzwanzig hatten sich andere längst ein Leben aufgebaut.

Ihres stand jetzt mal wieder auf der Kippe. Hektisch schaute sie sich nach allen Seiten um, doch der Flur im ersten Stock des Hotels war glücklicherweise leer. Nadja schloss die Augen und begab sich in Gedanken zu dem Platz in ihrem Kopf, an dem ihre unheimliche, aber sehr nützliche Gabe schlummerte. Mit ihr konnte sie durch Wände hindurchsehen, was sich manchmal als nützlich erwies. Vor ihren geschlossenen Augenlidern tauchten leuchtende Umrisse auf. Heimlich hatte sie die Lichter Lebenslichter getauft, denn sie entstanden durch Menschen. Nadja hatte keine Ahnung, wo diese Gabe herkam. Ihr kam sie so natürlich vor wie anderen das Atmen, denn sie besaß sie von Geburt an.

Nur wenige Gäste waren auf ihren Zimmern, alle anderen waren vermutlich beim Frühstück. Niemand war auf dem Flur, der weiter hinten abzweigte. Noch hatte niemand mitbekommen, dass sie wieder Mist gebaut hatte. Also gab es nur eine logische Art, mit der Sache umzugehen.

Alle Beweise mussten verschwinden!

Rasch schob Nadja ihren Wagen mit sämtlichem Putzzeug neben den Tisch, der zwischen den Sesseln im Aufenthaltsbereich vor den Fahrstühlen stand. In jedem Stockwerk sah dieser Bereich gleich aus. Nur die kleine Zahl über den Fahrstuhltüren wies diese Etage als die erste aus. Nadja kniete sich vor die Scherben, sammelte hektisch die Stücke der Vase ein, die ein wunderschönes Blumenmuster gehabt hatte, und stapelte sie aufeinander.

Noch einmal sah sie sich um, ehe sie aufstand und die Scherben erst einmal auf den Tisch legte. Sie musste sicher sein, dass sie nicht versehentlich ein Bruchstück übersehen hatte. Plötzlich öffnete sich der Fahrstuhl. Unwillkürlich zuckte Nadja zusammen.

»Was bist du denn so verhuscht, hast du wieder was angestellt?«

Nadja erstarrte bei der ihr wohlbekannten Stimme zur Salzsäule. Das Schicksal musste wirklich etwas gegen sie haben. Von allen Menschen auf der Welt tauchte ausgerechnet diese Frau hier auf!

Langsam drehte Nadja sich um und achtete dabei darauf, den Tisch mit den Scherben hinter sich zu verbergen. Vor den sich schließenden Türen des Fahrstuhls stand Olivia. Äußerlich sah sie Nadja mit ihren grünen Augen und den roten, wenn auch längeren und glatten Haaren recht ähnlich, aber was ihr Wesen anging, hatten die beiden nichts miteinander gemein. Olivias gerade Haltung und ihr herablassender Blick wollten so gar nicht zu ihrer Uniform passen, die sie als Dienstleistende auswies. Sie glaubte, sie wäre zu Höherem bestimmt, was aber außer ihr noch niemand bemerkt hatte.

Der abschätzige Blick glitt an Nadja vorbei und suchte den Tisch. »Wo ist denn die Vase, die sonst immer dort steht?«

Nadja brach der kalte Schweiß aus. Olivia war Angelikas Lieblingszimmermädchen und wurde immer bevorzugt behandelt. Sollte sie etwas gegen Nadja in der Hand haben, würde sie damit sofort zu ihrer Chefin gehen.

»Sind das etwa Scherben, die du da hinter deinem Rücken versteckst?«, fragte Olivia weiter, neigte sich zur Seite und versuchte erfolglos, einen Blick um Nadja herumzuwerfen. »Du bist doch sicher nicht ohne Grund so blass!«

Nadja war geliefert! Sie musste unbedingt Zeit gewinnen.

»Was machst du überhaupt hier? Solltest du nicht die Konferenzräume putzen?«, fragte sie in der Hoffnung, dass das Ablenkungsmanöver Wirkung zeigte.

Ihre Hoffnung wurde allerdings bitter enttäuscht. Olivia lachte kurz auf und strich sich ebenso elegant wie hochnäsig das Haar über die Schulter. »Ich bin schon lange fertig und dachte mir, ich seh mal nach den anderen. Immerhin erwarten wir heute einen wichtigen Gast, da soll alles perfekt werden.«

Mit anderen Worten, Olivia suchte schon wieder nach einem Grund, sie loszuwerden. Nadja wusste nicht mehr weiter.

»Ich würde wirklich gern wieder an meine Arbeit gehen, wenn nicht ständig jemand hier auftauchen und mich kontrollieren würde«, pflaumte sie Olivia an. Vielleicht war Angriff jetzt die beste Verteidigung.

»Wir müssten dich auch nicht ständig kontrollieren, wenn du nicht immer so einen Mist bauen würdest!«

Wenn doch nur diese blöde Vase wieder ganz wäre! Ein leichtes Kribbeln rauschte bei diesem Gedanken durch Nadjas Hände, doch sie bemerkte es kaum.

»Jetzt zeig mir endlich, was du da hinter deinem Rücken versteckst!«

Noch bevor Nadja reagieren konnte, hatte Olivia sie auch schon am Arm gepackt und zur Seite gezerrt. Nadja blieb das Herz beinahe stehen. Das war ihr Ende! Jetzt war sie ihren Job los!

Doch Olivia schnaubte nur.

Nadja traute sich gar nicht, zum Tisch zu schauen, doch ihr Blick fand den Weg wie von allein.

Einen Moment lang glaubte sie, zu träumen. Dort stand die Vase, die sie vorhin zu Bruch geworfen hatte. Vollkommen heil! Ohne auch nur einen Kratzer zu haben! Und sie sah auch noch aus wie frisch poliert.

Auch Olivia wirkte verwirrt.

»Ich weiß nicht, was du hier für ein Spiel treibst, aber ich werde dich schon noch los!«, fauchte Olivia sie an.

Die Tür zum Treppenhaus wurde aufgestoßen. Nadja schaute erschrocken über die Schulter und entdeckte dort das nächste Ärgernis in ihrem Leben. Der neue Koch David stand in der Tür und sah sie und Olivia neugierig an. Sein schulterlanges schwarzes Haar war nachlässig zu einem Zopf zusammengebunden, sodass ihm einige Strähnen in die Stirn hingen, was in Nadja immer das Bedürfnis weckte, sie ihm hinters Ohr zu streichen. Unter dem weißen Hemd steckten breite Schultern und muskulöse Arme. Die Schürze hing auf schmalen Hüften. Seine blauen Augen leuchteten, als hätten sie etwas überaus Aufregendes erblickt.

»Was ist denn hier los? Ein Kaffeekränzchen?«, fragte David mit einem Lächeln, das Nadjas Knie weich werden ließ.

»Das geht dich nichts an, Löffelschwinger!«, fauchte Olivia ihn an. »Geh zurück in die Küche.« Damit rauschte sie auch schon an ihm vorbei und verschwand im Treppenhaus.

David warf noch einen Blick auf Nadja und die Vase hinter ihr. Fast schien es, als wüsste er, was gerade passiert war. Doch er sagte nichts und trat ebenfalls den Rückzug an.

Nadja atmete erleichtert durch. Wieder schaute sie die Vase verblüfft an. Nicht einmal ein Riss war im Porzellan zu sehen. Als wäre die Vase niemals zu Boden gefallen.

Was ging hier nur vor?

Hatte sie sich die Scherben nur eingebildet?

Litt sie an Halluzinationen?

 

Das laute Klacken von verboten hohen Absätzen hallte durch die ganze Lobby. Da kam ein Gast. Rasch trat Nadja vom Tresen zurück, gerade rechtzeitig, denn da tauchte die Frau mit den mörderischen High Heels auch schon davor auf.

Der Rest ihrer Erscheinung hielt, was das Geräusch der Absätze versprochen hatte. Sie war hochgewachsen, trug ein hautenges Kleid und dazu eine blonde Mähne. Die schwarze Feder an ihrem Hut wippte bei jedem Schritt. Mondän legte die Frau ihr perlenbesetztes Handtäschchen auf dem Tresen ab. Mit behandschuhten Händen griff sie nach der Designersonnenbrille und zog sie in einer dramatischen Geste von der Nase.

Nadja lief ein kalter Schauer über den Rücken, als die Frau sie mit einem flüchtigen Blick bedachte. Die dunklen, fast schwarzen Augen stachen aus dem hellen Gesicht hervor. Das Parfum dieser Frau umwehte sie wie eine Wolke, der süßliche Duft drang Nadja in die Nase und brachte ihre Augen zum Tränen.

»Guten Morgen«, begann Peter zur Begrüßung. Sicher hatte er wieder sein bestes Lächeln aufgelegt. »Willkommen im Goldenen Löwen. Was kann ich für Sie tun?«

»Na, was wohl? Sie können mir die Karte für mein Zimmer geben«, erwiderte die Frau in einem so herablassenden Tonfall, dass selbst Olivia sich gegen sie wie ein schüchternes Schulmädchen anhörte.

Peter ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Er war ein Profi durch und durch. »Würden Sie mir den Namen sagen, unter dem für Sie ein Zimmer reserviert wurde?«

Die Dame vor der Rezeption steckte ihre Sonnenbrille in die kleine Handtasche. Dann sah sie Peter wieder direkt in die Augen. Nadja spürte plötzlich einen kalten Hauch auf ihrer Haut. Peter begann im Computer nach der Reservierung zu suchen, obwohl die Dame ihm immer noch nicht ihren Namen genannt hatte. Was ging hier vor?

Nadja bekam ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Vorsichtig schob sie sich an der Wand entlang zum Eingang des Personalbereichs. Die Frau an der Rezeption war immer noch voll und ganz auf Peter konzentriert.

Da ging etwas nicht mit rechten Dingen zu. Es sah fast so aus, als hätte die Frau Peter hypnotisiert oder verhext. So verhext, wie es vorhin mit der Vase gewesen war. Nicht, dass hier neuerdings nicht dauernd unmögliche Dinge zu passieren schienen.

Endlich spürte Nadja die Tür in ihrem Rücken. Mit einer Hand griff sie gerade nach der Klinke, da entdeckte sie David, der noch immer bei den Fahrstühlen stand. Der Blick, mit dem er die Frau an der Rezeption bedachte, hätte töten können. Er erschien wütend und wild entschlossen, als er auf die andere Tür zum Personalbereich zuschlich.

Was auch immer er vorhatte, sie sollte sich schnell aus dem Staub machen. In diese Sache wollte sie nicht hineingezogen werden.

Nadja schlüpfte in den kalkweißen Flur. Neugier überkam sie. Was hatte diese Frau an der Rezeption an sich, dass Peter ohne weiteren Kommentar alles tat, was sie wollte?

Rasch sah sich Nadja auf dem Flur um. Niemand war zu sehen. Alle waren noch bei der Arbeit. Sie schloss die Augen und ging im Geist zu dem Punkt in ihrem Kopf, an dem sie ihr größtes Geheimnis versteckte. Ihre Gabe überflutete ihr Bewusstsein binnen Sekunden, und schon konnte Nadja vor den geschlossenen Augen alle Lebenslichter der Personen in ihrer näheren Umgebung sehen. Einige standen still oder waren verstreut, andere bewegten sich oder bildeten Trauben, wie etwa die vielen Lichter im Restaurant beim Frühstück.

Nadjas ganze Aufmerksamkeit galt aber den beiden Menschen vor der Rezeption. Peter war leicht zu erkennen, obwohl sein Licht durch die Wand etwas gedämpft war. Als sie aber die Quelle von reiner Dunkelheit sah, die vor Peter an der Rezeption schwebte, begannen ihre Hände zu zittern. Diese Dunkelheit fraß nach und nach alles Licht auf, das von den Menschen gespendet wurde. Wie ein schwarzes Loch, das alles um sich herum aufsaugte.

Nadja riss die Augen auf. Spielte ihre Gabe verrückt? Ein solches Lebenslicht hatte sie noch nie gesehen. War die Frau vielleicht nicht gesund? Litt sie an einer Krankheit, die das Licht dunkel färbte?

Nadja konnte nicht anders. Sie schloss erneut die Augen und betrachtete die seltsame Frau an der Rezeption genauer. Die Dunkelheit strahlte von ihr aus und umrahmte ihre Gestalt wie ein Heiligenschein aus der Hölle. Doch was noch viel beunruhigender war: Peters Licht schien blasser zu werden, es hatte deutlich an Leuchtkraft verloren, und das lag nicht an der Wand zwischen ihnen.

Nadja bekam Angst. Sie wusste genau, was passierte, wenn das Licht eines Menschen schwächer wurde und schließlich erlosch.

Sie musste etwas unternehmen!

Schon wollte sie nach draußen stürmen. Doch was sollte sie dann tun? Sie war nur ein Zimmermädchen, das eigentlich nicht mal hier unten sein durfte!

Und diese Frau. Sie schien reich zu sein und hatte sicher auch Kontakte zu Leuten, die einem das Leben so richtig schwer machen konnten. Wie sollte sie sich einer solchen Frau gegenüber behaupten?

Aber sie konnte Peter auch nicht dieser Frau überlassen! Wild entschlossen, etwas zu unternehmen, öffnete sie die Tür wieder. Doch als sie zur Rezeption blickte, war die Frau verschwunden. Das Klacken ihrer Schuhe verhallte in Richtung der Fahrstühle. Sie hatte die Karte für ihr Zimmer also bekommen.

Nadja blieb an der Tür stehen und schloss erneut die Augen. Peters Leuchtquelle erstrahlte mit jeder Sekunde mehr vor ihrem geistigen Auge. Das musste wohl heißen, dass es ihm gut ging.

Erleichtert öffnete sie die Augen und ging zu Peter, der allerdings etwas benommen wirkte. Immer wieder griff er sich an den Kopf, als hätte er Schmerzen.

»He, ist alles in Ordnung?«, fragte Nadja und legte ihm eine Hand auf den Rücken.

Sie wollte ihm so gern helfen. Wenn sie ihm nur etwas Kraft geben könnte!

Peters Gesicht bekam jetzt endlich wieder Farbe. Seine Augen hellten sich auf, als würde er nach einem langen Schlaf zu sich kommen.

»Ja, mir geht’s gut. Ich sollte wohl mehr trinken, dann wird mir auch nicht so schnell schwindelig«, scherzte Peter.

Nadja wollte schon in sein Lachen einstimmen, als das erneute Klacken hoher Absätze einen Schauer über ihren Rücken laufen ließ. Sie wusste sofort, von wem es stammte. Diese speziellen Schuhe und diesen bestimmenden Gang würde sie überall wiedererkennen.

Als sie über die Schulter blickte, tauchte gerade Angelika hinter der Ecke auf, die zu den Fahrstühlen führte. Sie hatte den Blick auf das Klemmbrett in ihrer Hand gesenkt und schaute zum Glück nicht zur Rezeption.

Angst kroch in Nadja hoch und streckte ihre kalten Finger nach ihr aus. Ohne nachzudenken, duckte sie sich unter den Tresen. Die bestimmenden Schritte der Chefin aller Zimmermädchen kamen näher. Nadja schlug das Herz bis zum Hals, während sie ihren Rücken gegen die Tür eines kleinen Schränkchens drückte.

Aus Reflex schloss sie die Augen und sah prompt wieder die Leuchtquellen aller Menschen um sich herum. Auch das helle Licht von Angelika, die genau vor dem Tresen stehen blieb.

»Peter, haben Sie zufällig Nadja irgendwo gesehen?«, fragte Angelika in ihrem typischen Tonfall, der Widerworte nicht duldete.

Nadjas Herz machte einen Satz. Angelika musste in ihrer Etage gewesen sein, um nach ihr zu sehen, und hatte sie natürlich nicht gefunden. Hoffentlich war sie nicht in die Abstellkammer neben den Fahrstühlen gegangen und hatte dort den Wagen voller unangetastetem Putzzeug entdeckt.

»Nein. Heute noch gar nicht«, log Peter ohne mit der Wimper zu zucken.

»Hm.« Angelika schien abzuschätzen, ob er die Wahrheit sagte. Nach quälend langen Sekunden gab sie schließlich auf. »Na gut. Wenn Sie Nadja sehen, sagen Sie ihr bitte, dass sie mit der Arbeit beginnen soll oder sie ist gefeuert.«

Das war nicht gut.

Die Schritte ihrer Chefin entfernten sich endlich wieder. Erst als Nadja sah, dass Angelikas Leuchtquelle hinter der Tür zu den Personalräumen verschwunden war, öffnete sie die Augen und atmete hörbar auf.

»Dafür schuldest du mir was«, meinte Peter trocken.

Nadja blickte zu ihm auf, in ein Gesicht, das von einem Lächeln überzogen wurde. Ja, für diese Lüge schuldete sie ihm wirklich einen Gefallen. Einen ganz großen sogar.

»Du bist der Beste, Peter«, hauchte sie ihm zu.

»Und du solltest dich lieber an die Arbeit machen und dir eine Ausrede einfallen lassen, warum deine Chefin dich gerade nicht finden konnte. Noch mal kann ich dir nicht aus der Klemme helfen«, erklärte Peter und hielt ihr eine Hand hin.

Nadja ließ sich von ihm aufhelfen. Nach einem kurzen Blick durch die Lobby rannte sie durch die Eingangshalle und riss die Tür zum Treppenhaus auf. Der Fahrstuhl war zu gefährlich. Dort würde sie nur wieder einem der Gäste über den Weg laufen. Oder noch schlimmer, einem anderen Zimmermädchen, und die waren, mit Ausnahme von Janet, nicht so nett und würden für sie lügen.

Nadja schaffte es, ohne gesehen zu werden, wieder nach oben in ihre Etage und holte ihren Wagen aus der Abstellkammer. Sollte ihre Chefin noch einmal auftauchen und sie fragen, wo sie gewesen war, dann würde Nadja zu ihrer Lieblingsausrede greifen. Zu Magenproblemen.

Die Chefin der Zimmermädchen suchte nämlich nie in den Toiletten nach ihren Mädchen. Bei aller Strenge hielt sich die Frau dennoch an die Regeln des Anstands und ließ den Zimmermädchen dieses bisschen Privatsphäre.

Aber als Nadja ihren Wagen holte und endlich mit dem Putzen im ersten Zimmer anfing, kehrten ihre Gedanken gleich wieder zu der Frau zurück, die sie gerade an der Rezeption gesehen hatte. Sie hatte etwas Unheimliches an sich, und das hing nicht nur damit zusammen, dass ihre Leuchtquelle pechschwarz war. Ihr Blick und die Art, wie sie andere behandelte, erinnerte sie zwar an Olivia, aber deren Leuchtquelle sah immer ganz normal aus.

Nadja ging ins Badezimmer, um dort die Toilette und die Dusche zu putzen. Wie immer schaltete sie bei diesen Aufgaben ihren Kopf aus, um die Hinterlassenschaften der Gäste nicht zu genau zu sehen. Auch dieses Badezimmer sah aus wie ein Schweinestall. Im Urlaub benahmen sich manche Leute wie Tiere.

Diese Frau war unheimlich. Aber wie sich David verhalten hatte, war auch unheimlich gewesen. Er hatte eine Wut in den Augen gezeigt, die Nadja nicht geheuer war.

Nadja wusste eigentlich gar nichts über diesen Mann, nur dass sie sich immer mit ihm zu streiten schien, sobald sie ihm begegnete. Aber er war an die begehrte freie Stelle in der Küche herangekommen, und das hieß, dass er Referenzen hatte. Von anderen Küchen, die für seine Arbeit bürgten. Allerdings hatte sie im Fernsehen gesehen, dass man sich heutzutage alle Unterlagen fälschen konnte. Irgendwie würde sie ihm so etwas zutrauen. Doch was sollte er davon haben? Was wollte er dann hier?

Nadja hielt mitten in der Bewegung inne. Die Art und Weise, wie er die Frau an der Rezeption angesehen hatte, hatte doch Bände gesprochen. War David etwa ein Auftragskiller, der sich in das Hotel geschlichen hatte, um diese Frau umzubringen? So, wie er sie angesehen hatte, konnte das durchaus möglich sein.

Lachend wickelte Nadja die Rolle Klopapier wieder auf und schalt sich innerlich einen Dummkopf. David war kein Auftragskiller und die Frau an der Rezeption war nur eine verwöhnte reiche Dame, die es gewohnt war, ihren Willen zu bekommen. Und zwar von Leuten wie ihr. Von Untergebenen.

Nadjas Fantasie ging bloß mal wieder mit ihr durch. Sie musste unbedingt auf andere Gedanken kommen, sonst würde sie noch anfangen, überall Gespenster zu sehen. David und ein Killer? Das war doch absolut lächerlich!

 

»Denk nicht mehr darüber nach«, fuhr Michael fort und rückte noch ein wenig näher.

Ihr Herz schlug schneller. So nah war er ihr noch nie gekommen. Würde es etwa auf das hinauslaufen, worauf Nadja schon seit Monaten hoffte?

Michael hob die Hand und tippte ihr kurz auf die Nasenspitze.

»Du musst viel ruhiger werden«, sagte er schließlich und lachte.

Nadja kam sich richtig dämlich vor. Warum hatte sie auch geglaubt, dass Michael sie küssen würde?

Ein hämisches Lachen hinter ihr ließ Nadja erschrocken herumfahren.

»Na, ihr Turteltauben«, erklang Davids Stimme im üblichen arroganten Tonfall.

Er lehnte in schwarzer Lederjacke und enger Jeans an der Tür und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Haar war noch wilder durchwühlt als vorher. Womöglich hatte er gerade eine Motorradfahrt hinter sich. Die Bikerstiefel an seinen Füßen sprachen dafür. Diese Aufmachung stand David unglaublich gut. Die bissige Bemerkung, die ihr gerade noch auf der Zunge gelegen hatte, war mit einem Mal vergessen.

Was hatte David nur an sich, dass es ihr so sehr die Sprache verschlug? Sie konnte ihn doch gar nicht leiden. Er war selbstverliebt und provozierte sie andauernd. Und jetzt gerade starrte er sie unverwandt an.

»Sag mal, wo warst du eigentlich?«, fragte Michael hinter ihr.

David ließ endlich den Blick von Nadja. Als er Michael ansah, tauchte so etwas wie Feindseligkeit in seinen Augen auf.

»Ich war weg. Was dagegen?«, ranzte er zurück. So was Ungehobeltes! Der bildete sich ganz schön was ein.

»Ob ich was dagegen habe? Natürlich!«, erwiderte Michael und trat an Nadja vorbei. »Deinetwegen mussten wir das Menü für die ganze Woche umstellen! Hast du eigentlich eine Ahnung, wie lange wir dafür gebraucht haben?«

»Ich würde mal vermuten, sehr lange. In dieser Küche herrscht ja immer das blanke Chaos«, antwortete David, den Michaels Anschuldigungen nicht sonderlich zu interessieren schienen.

Der Kerl war das Letzte! Erst zettelte er so viel Arbeit an und dann verschwand er!

Michael schien genauso aufgebracht über diese Antwort zu sein wie sie. Er packte David am Kragen seiner Jacke und zog ihn dicht an sich heran. »Was denkst du dir eigentlich? Wir haben uns deinetwegen den Arsch aufgerissen und dich kümmert das nicht mal!«

Nadja wich von den beiden Männern zurück. So hatte sie Michael noch nie erlebt. Aber wenn ein Mann lange genug provoziert wurde, dann konnte er eben unberechenbar werden.

Was als Nächstes geschah, ließ Nadja vor Angst aufschreien.

David packte Michaels Hände. Er drückte so fest zu, dass sie Knochen knacken hörte. Michael stieß einen überraschten Schmerzensschrei aus. Blitzschnell drehte David sich um, ohne Michaels Hände dabei loszulassen. In der gleichen Bewegung rammte er ihm den Ellenbogen in den Bauch, zog Michael über seine Schulter und schleuderte ihn zu Boden. Nadja nahm die Hände vor den Mund, um einen weiteren Schrei zu unterdrücken. David richtete ungerührt seine Jacke, während sich Michael unter Ächzen aufrichtete. Er musste sich verletzt haben, denn seine Bewegungen waren ruckhaft.

»Um eines klarzustellen«, begann David, »ich bin nicht hier, um den Kochlöffel zu schwingen, und du tust besser daran, mir aus dem Weg zu gehen.«

Ohne auf eine Antwort von Michael zu warten, machte David einen großen Schritt über ihn hinweg und betrat den Flur in Richtung des Aufenthaltsraums.

»Michael? Alles in Ordnung?«, fragte Nadja voller Sorge.

Michael nickte nur.

Nadja ging neben ihm auf die Knie, aber viel konnte sie nicht tun. Behutsam tastete sie seine Hände ab, aber Michael zuckte dabei zusammen, also hörte sie auf.

»Ich bin okay«, murmelte er schließlich.

David war so ein Mistkerl! Nadja konnte ihre aufkommende Wut nicht mehr in Zaum halten und stürmte hinter David her.

»He!«, schrie sie ihm nach, doch David blickte sich nur kurz um, ohne dabei stehen zu bleiben.

Das würde sich Nadja auf keinen Fall bieten lassen.

»Ich rede mit dir!«

»Ich aber nicht mit dir«, antwortete David gelangweilt.

Nadja rannte an ihm vorbei und stellte sich ihm in den Weg. David verzog genervt das Gesicht, weil er wegen ihr stehen bleiben musste. Seine Hände ließ er in seinen Jackentaschen. Nichts an ihm deutete darauf hin, dass er gerade eben jemanden zusammengeschlagen hatte. Er war nicht mal außer Atem.

»Was fällt dir eigentlich ein? Du kannst doch nicht einfach Leute durch die Gegend werfen, nur weil dir nicht passt, was sie sagen!«, schrie Nadja ihn an und stemmte dabei ihre Hände in die Seiten. Auch wenn David einen Kopf größer war, würde sie sich von ihm nicht einschüchtern lassen.

David schien sie kaum als ernst zu nehmende Gegnerin wahrzunehmen. Er grinste sie an und sagte: »Sieht aber ganz so aus, als hätte ich es gerade getan.«

»Sag mal, was denkst du eigentlich, wer du bist!« Es war nicht zu fassen, wie arrogant dieser Kerl war.

»Jemand, der nicht mehr mit dir reden will«, antwortete David prompt. »Warum gehst du nicht wieder zu deinem Romeo und hilfst ihm auf? Vielleicht gibt er dir dann endlich einen Kuss.«

Das war zu viel! Nadja holte mit der Hand zu einem Schlag aus, doch sie erreichte nicht mal seine Wange. Er packte ihr Handgelenk und hielt es fest umschlossen wie eine Stahlklammer.

»Du hast Glück, dass ich keine Frauen schlage. Aber wenn du mir nicht gleich aus dem Weg gehst, werde ich meine Meinung vielleicht ändern«, erklärte David und drückte Nadja an die Wand. Dann beugte er sich zu ihr herunter, bis ihre Nasen sich fast berührten. »Du bist zwar ungeschickt wie ein Elefant im Porzellanladen, aber dein hübsches Gesicht reißt es wieder raus. Allerdings wird dir das nicht immer helfen.«

Als er sie endlich losließ und weiter den Flur hinunterging, rang Nadja nach Luft. Sie hatte nicht mal gemerkt, dass sie den Atem angehalten hatte. Trotzdem konnte sie nicht anders und sah David hinterher. Er hatte unerklärlicherweise etwas an sich, das Nadja einfach nicht mehr losließ. Entweder sie drehte wegen der vielen schlaflosen Nächte langsam durch oder ihr Männergeschmack war noch schlechter, als sie immer gedacht hatte.

»Nadja, lass es«, erklang Michaels raue Stimme im Flur. »Dem Kerl ist nicht mehr zu helfen.«

Michael hatte recht. Sie tat besser daran, David aus dem Weg zu gehen. Er zog Ärger magisch an und sie hatte endlich ein halbwegs geregeltes Leben. Dabei wollte sie es auch belassen.

 

Nachdem Nadja Michael zu seinem Auto gebracht und zugesehen hatte, wie er den Weg nach Hause antrat, kehrte sie wieder ins Hotel zurück. Die Sonne näherte sich dem Horizont, endlich war der Feierabend da. Nadja musste sich beeilen, wenn sie nicht im Dunkeln nach Hause laufen wollte. Irgendwie hatte ihr die Nacht immer schon Angst gemacht.

In der Damenumkleide zog sich Nadja rasch um und griff dann nach ihrer Tasche. David ging ihr immer noch nicht aus dem Kopf. Warum hatte er in diesem Hotel angefangen?

Kam er jetzt bloß nicht damit klar, von anderen Anweisungen entgegenzunehmen? Oder hatte er generell etwas gegen Menschen? Aber warum hatte er sich dann heute so an Olivia rangemacht? Auch das seltsame Verhalten, als David die Gräfin gesehen hatte, bereitete ihr Kopfzerbrechen. David war ein wandelndes Rätsel.

Obwohl Nadja es besser wusste, konnte sie nicht aufhören, sich mit diesem Rätsel zu beschäftigen.

Völlig in Gedanken versunken ging sie raus auf den Flur. Sie zog den Riemen ihrer Tasche auf ihre Schulter und schlug den Weg zum Hintereingang ein. Die Musik aus dem Restaurant war noch in den Fluren zu hören. Wie ein leises Hintergrundrauschen.

Ein leises Poltern ganz in ihrer Nähe holte Nadja aus ihren Gedanken. Es hörte sich an, als würde etwas Schweres gegen eine Wand geworfen. Außer ihr selbst war allerdings niemand auf den Fluren zu sehen.

Nadja horchte, um das Geräusch zu orten. Das Poltern kam aus einer der Abstellkammern am anderen Ende des Flurs. Ihr Herz schlug schneller. Was hatte das jetzt wieder zu bedeuten?

Suchte da drin jemand nach etwas und warf dabei alles um?

Obwohl sie wusste, dass es sie eigentlich nichts anging, schlich sich Nadja näher an die erste Tür der Abstellkammer. Die Kammer bestand eigentlich aus drei nebeneinanderliegenden Räumen, die durch Türen miteinander und mit Angelikas Büro verbunden waren.

Leise Stimmen waren zu hören. Da waren eindeutig mindestens zwei Leute in der Kammer.

Noch einmal sah sich Nadja auf dem Flur um. Dann schloss sie die Augen, um ihre Gabe zu aktivieren. Die Kraft durchströmte sofort ihren Körper. Vor ihren geschlossenen Augen sah sie zwei Leuchtquellen, umgeben von viel Dunkelheit. Eine von ihnen sank gerade zu Boden und verlor an Strahlkraft.

Nadja überkam eine Gänsehaut. Die Leuchtquelle am Boden wurde schwächer und schwächer, bis sie plötzlich erlosch. Das konnte nur eines bedeuten. Ein kalter Klumpen legte sich in ihren Magen.

Ohne lange darüber nachzudenken, öffnete Nadja die Augen und riss die Tür auf. In der Kammer hing eine nackte Glühbirne an der Decke, die  hin und her schwang. Auf dem Boden lag ein Mann in einer größer werdenden Blutlache.

Das war der Hotelgast, den sie heute unter der Dusche erwischt hatte. Seine leeren Augen blickten an die Wand. Durch das große Loch in seiner Brust konnte sie das Herz des Mannes sehen.

Über den Toten beugte sich jemand, den Nadja hier nicht erwartete hätte. Oder doch?

David blickte sie aus wütenden Augen an.