Leseprobe Sirenengesang

 

1

 

Karrieresprung

 

Janick zog sich zu seinem winzigen Schreibtisch in der hintersten Ecke des Großraumbüros zurück, als Michael begann, von seiner neuen brandheißen Story zu erzählen, die heute online gehen würde.

Die Lobeshymnen und Selbstverherrlichungen hatten erst ein Ende, als der Chefredakteur Roland Wagner eintraf. Mit einem Schlag herrschte Ruhe in dem großen Raum.

Aus dem Augenwinkel konnte Janick sehen, wie sich die Journalisten und Fotografen um die vordersten Tische sammelten. Also hatte Roland etwas Wichtiges zu sagen. Entschlossen, sich seinen Unmut über den Berg an Post auf seinem Tisch nicht anmerken zu lassen, erhob sich Janick und gesellte sich zu den anderen.

»Guten Morgen«, hallte Rolands tiefe Stimme laut durch den ganzen Raum. Er musste nie schreien, um sich Gehör zu verschaffen. »Heute Abend steigt ein Konzert von Leyla.«

Ein unruhiges Raunen ging durch die Anwesenden. Seit Tagen wurde dafür geworben.

Janick blickte zu seiner Tasche, in der die Eintrittskarte ruhte. Ein Grinsen der Vorfreude breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er hatte ein kleines Vermögen dafür bezahlt.

»Wie ihr alle wisst, hat Leyla noch nie ein Interview gegeben. Sie gilt als sehr geheimnisvoll und unerreichbar für alle Journalisten«, fuhr Roland fort. »Deshalb möchte ich der Erste sein, der ein Interview mit ihr veröffentlicht. Ich weiß, ihr alle habt es schon einmal versucht. Deshalb biete ich dem, der es schafft, mir ein Interview mit Leyla zu bringen, eintausend Euro Prämie.«

Ein ungläubiges Raunen ging durch den Raum. Janick konnte es nicht glauben. Roland war zwar ein umgänglicher, aber auch geiziger Mensch. Wenn er so viel Geld als Belohnung versprach, war das ein einmaliges Ereignis.

»Seht mich nicht so ungläubig an. Das ist mein voller Ernst«, fuhr Roland fort. »Wer es schafft, Leyla zu interviewen, bekommt von mir eintausend Euro. Der Ruhm, den uns dieses Interview einbringt, wäre um ein Vielfaches größer, also kann ich mir das durchaus leisten. Jetzt schaut mich nicht so an, als hätte ich den Verstand verloren!«

Seine Mitarbeiter kannten Roland wohl besser, als er gedacht hatte. Doch Janick musste zugeben, dass die Belohnung verlockend war.

»Ich erwarte, dass ihr euch alle in die Spur begebt. Jeder bekommt einen Presseausweis. Wenn ihr euch alle auf den Weg macht, wird es einer schon schaffen, bis zu Leyla vorzudringen. Aber vergesst nicht: Seid so höflich zu ihr, dass sie euch mit Freuden ein Interview gibt«, fügte Roland hinzu und sah bei seinen letzten Worten einige der anderen Journalisten scharf an. In der Vergangenheit hatten sie bei der Arbeit ein so rüdes Verhalten an den Tag gelegt, dass sie von der Polizei verhaftet worden waren. Keine gute Presse für die Redaktion.

»Überlassen Sie das nur mir, Chef«, meldete sich Michael lautstark zu Wort. Er trat neben ihn und warf sich siegessicher in die Brust. »Wenn es jemanden gibt, der die unerreichbare Leyla zu einem Interview überreden kann, bin ich das. Sie können sich auf mich verlassen.«

Sein höhnisches Grinsen glitt über die anderen Mitarbeiter von Spotlight und blieb an Janick hängen, als wollte er ihm sagen, dass er es gar nicht erst versuchen sollte.

Doch da war Michael schiefgewickelt. Janick würde auf jeden Fall versuchen, Leyla zu interviewen. Die Belohnung war zu verlockend. Mit diesem Interview würde er ein Journalist werden und nicht mehr nur Postbote sein.

Innerlich grinste er so breit wie ein Honigkuchenpferd. Schon heute Abend würde er Leyla begegnen! Wie krass war das denn?!

 

 

2

 

Der neue Stern am Himmel

 

Es waren Tage wie diese, an denen Leyla ihre Entscheidung, Sängerin zu werden, bereute. Vor allem wenn sie die Meute kreischender Fans sah, die sie jedes Mal nach einem Konzert abfingen. Oder vor einem Konzert. Oder wenn sie einfach nur mal so das Hotel verließ. Warum waren die Menschen nur so versessen darauf, einem Star so nahe zu sein? In ihrer Heimat wurde sie nicht so verfolgt und da war sie mindestens genauso berühmt. Die Menschen waren sehr merkwürdig.

»Für Mirabelle, bitte«, wisperte das junge Mädchen mit den Zöpfen, das seinen Kopf gerade so weit nach oben hob, dass Leyla seine Augen sehen konnte. »Mit zwei L und einem E am Ende.«

Leyla ließ den Stift in einer lockeren Handschrift über das Foto von sich gleiten, das sie mehr als alles andere hasste. Es war mit dem Computer so lange bearbeitet worden, bis es nicht mehr wie sie aussah. Das glitzernde Lächeln, die makellose Haut, das perfekte Gesicht und die gestylten Haare, die wie eine Perücke aussahen. Nichts an diesem Bild entsprach der Realität. Sie war zwar eine hübsche junge Frau, doch das Foto war lächerlich.

Mit einem letzten Schwung vollendete Leyla das Autogramm und reichte dem schüchternen Mädchen das Foto. Mirabelle nahm es kichernd an sich, bedankte sich und rauschte davon. Das letzte Mädchen dieser kleinen Gruppe trat vor und reichte Leyla ein weiteres Foto. »Für Kathrina. Mit th«, sagte es begeistert.

Mit einem weiteren Lächeln schrieb Leyla das Autogramm und reichte es dem Mädchen zurück. Es hüpfte vor Aufregung auf und ab und bedankte sich mit einem ungewöhnlichen Eifer.

»Okay. Leyla muss sich nun auf ihr Konzert heute Abend vorbereiten. Kommt, es wird Zeit, zu gehen«, erklang die Stimme von Andreas Bochmann, Leylas Manager, durch den Aufenthaltsraum des Berliner Hilton Hotels.

Die Gruppe von sieben Mädchen wurde von ihm zur Tür gebracht. Kichernd rückten sie enger zusammen und schnatterten wie Gänse. In diesem Punkt unterschieden sich die Menschen hier kaum von den Bewohnern von Leylas Heimat. Mädchen waren eben überall gleich.

Erst als die Tür hinter ihnen zugefallen war und die Stimmen verstummten, konnte Leyla sich in ihrem Stuhl zurücklehnen und aus den breiten Fenstern auf die Straße sehen. Der Schnee türmte sich immer höher. Hinter einigen Schneewehen waren die Ausläufer der Seuche zu sehen. Die schwarzen Ranken breiteten sich immer weiter an den Gebäuden aus. Schon sehr bald würde die schwarze Pest auch auf Pflanzen und Tiere überspringen. Ihnen blieb immer weniger Zeit. Sie mussten sich beeilen.

»Das war sehr gut, Leyla«, sagte Andreas, nachdem er zurückgekehrt war.

»Einer Gruppe Schülerinnen ein Autogramm zu geben, soll gut gewesen sein?«, fragte sie und konnte ihren Unmut kaum verbergen.

Ihr Manager, ein kleiner Mann, der schon sehr bald keine Haare mehr auf dem Kopf haben würde und an einem Gewichtsproblem litt, straffte seine Anzugjacke und kam auf sie zu. Die dicken Pausbacken glänzten im Schein der Deckenleuchten. Andreas hatte wegen seines Gewichts auch ein Problem mit dem Herzen, das er nicht sehen wollte. Sie hatte schon mal mit dem Gedanken gespielt, ihre Kräfte bei ihm anzuwenden und ihn zu einem Arzt zu schicken.

»Ich weiß ja, dass du nicht gern mit deinen Fans Kontakt hast, aber ein wenig mehr Nähe zu ihnen würde deinen Ruf verbessern. Denk daran: Es sind sie, die deinen Erfolg ausmachen«, begann er seinen Vortrag, den er ihr fast jeden Tag hielt.

Und jeden Tag gab sie vor, dass sie das alles nicht interessierte. Andreas musste sie inzwischen für eine Eiskönigin halten. Manchmal kam sie sich selbst so vor. Ob das ein erstes Zeichen für den Verlust ihrer Menschlichkeit war? Stand sie kurz davor, ein seelenloses Monster zu werden? Sie musste Pryme bitten, ihr etwas für ihre Nerven zu geben. So aufgewühlt konnte sie nicht auf die Bühne gehen und ihre Nachricht verschicken.

Andreas zog sich einen Stuhl heran und setzte sich zu ihr an den langen Konferenztisch. Die Stuhlbeine schleiften über den teuren Teppichboden. Doch so wie Leyla den in der letzten halben Stunde mit ihren spitzen Absätzen traktiert hatte, war er sowieso schon ruiniert.

»Ich weiß, dass meine Fans meinen Erfolg ausmachen, aber das heißt nicht, dass ich Autogrammstunden oder ein Interview mit lächerlichen Standardfragen gebe oder bei einer Charity-Veranstaltung mitsinge«, erwiderte sie. Sie hatte ganz andere Dinge im Kopf, aber das verstand ihr Manager nicht.

»Aber Leyla, mit dieser Einstellung wirst du deine Fans vor den Kopf stoßen und dann werden sie sich von dir abwenden.«

Leyla verdrehte die Augen. Sie wusste genau, dass das niemals passieren würde. Keiner, der ihre Musik einmal gehört hatte, wäre danach noch imstande, ihrer Stimme zu widerstehen. Auf dieser Seite der Barriere schaffte das niemand. Selbst wenn Leyla es ihnen befahl.

»Ich habe doch gerade diese Autogramme gegeben«, erwiderte sie.

»Ja, einer Gruppe Schülerinnen, die bei einem Preisausschreiben gewonnen haben, und auch nur, weil ich dich dazu überreden konnte«, fuhr Andreas aufgebracht fort.

»Was willst du denn noch von mir?«, fragte sie. Sie war kurz davor, aufzustehen. Das alles war so lächerlich. Sie hatte Wichtigeres zu tun.

»Ich will, dass du dich um deine Fans kümmerst. Dass du ein Interview gibst und nach einem Konzert mit den VIP-Gästen sprichst.« Andreas beugte sich zu ihr, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Deine Musik ist sehr beliebt und die Leute stehen total darauf, aber das wird vermutlich nicht immer so bleiben. Die Musikbranche ist sehr schnelllebig und die Menschen werden dich schon bald satthaben. Daher rate ich dir, deine Einstellung zu ändern, wenn du nicht in einem Monat wieder in der Versenkung verschwunden sein willst.«

»Vermutlich bleibt mir nicht mal mehr eine Woche«, murmelte sie und sah wieder aus dem Fenster.

Die Menschen liefen nichts ahnend an den schwarzen Ranken vorbei, die unaufhörlich und sehr langsam an den Hauswänden emporkletterten. Keiner von ihnen bemerkte den nahenden Tod, der durch die Straßen dieser Stadt schlich. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Ersten krank werden würden. Wie sollten sie auch etwas aufhalten, das sie nicht einmal sehen konnten? Nur Bewohner der anderen Seite der Barriere konnten den nahenden Tod sehen. Doch leider waren auch viele von ihnen machtlos gegen das, was durch die Straßen schlich und schon bald alles töten würde, was es berührte.

»Wie meinst du das, dir bleibt nur noch eine Woche?«, fragte Andreas verwundert.

Leyla ließ den Kopf hängen und sprach die Worte aus, die sie eigentlich für immer für sich behalten sollte. »Ich komme aus einer anderen Welt, die ihr nicht sehen könnt. Die Menschen mögen meine Musik deshalb so sehr, weil sie keine andere Wahl haben. Sie können meiner Stimme nicht widerstehen, selbst wenn sie es wollten. Doch ich bin nicht hier, um reich und berühmt zu werden, sondern weil ich jemanden suche. Die einzige Person in beiden Welten, die den Tod aufhalten kann, der sich in diesem Moment wie eine Seuche in der Stadt ausbreitet.«

Als sie aufblickte, sah ihr Manager sie erst mit großen Augen an, dann schlich sich ein Lachen in seine Mundwinkel und er verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Der war gut, Leyla. Wenn du mal ein Interview gibst, wirst du das aber schön für dich behalten, klar?«

Sie seufzte. Diese Reaktion kam jedes Mal von Andreas, wenn sie ihm die Wahrheit sagte. Er wollte es einfach nicht verstehen und sie konnte es ihm nicht beweisen, denn er war nicht in der Lage, die schwarzen Ranken zu sehen.

Frustriert beugte sie sich zu ihrem immer noch lachenden Manager vor und ließ ihrer machtvollen Stimme freien Lauf. »Hör mir gut zu«, begann sie. Ihre Stimme hallte durch den Raum. Andreas hörte sofort auf, zu lachen. Seine ganze Aufmerksamkeit lag nur noch auf ihr. »Du wirst alles vergessen, was ich dir gerade gesagt habe. Niemals wirst du auch nur ein Wort darüber verlieren.«

Wie der süßeste Honig flossen ihre Worte in seine Ohren und vernebelten seinen Verstand. Wie oft hatte sie das schon gemacht und wie oft hatte Andreas danach immer die gleiche Reaktion gezeigt wie in diesem Moment. Er neigte den Kopf wie eine Marionette, blieb aber sonst ruhig auf seinem Stuhl sitzen. Erst als sie den Mund schloss und sich wieder zurücklehnte, wurde ihr Manager aus dem Bann entlassen. Seine Augen wurden für einen Moment trüb.

 

 

3

 

Hinter den Kulissen

 

Zwei Stunden später verließ Janick den Saal. Er war noch immer ganz gefangen von der Musik und von Leyla. Sie konnte nicht nur singen, sie konnte auch tanzen, und das verdammt gut. Ihr durchtrainierter Körper war eine Augenweide. Dennoch war er sich sicher, dass sie heute Abend eine Perücke getragen hatte. Noch gestern war sie mit kürzerem braunen Haar gesehen worden.

Während sich die anderen Konzertbesucher in der Lounge versammelten oder den Friedrichsstadt Palast schon verließen, schlängelte sich Janick durch die Menge zur Tür zum Backstage-Bereich. Doch schon von der Bar aus konnte er sehen, dass er nicht der erste Journalist an der Tür war. Eine kleine Meute drängte sich darum. Unter ihnen konnte er auch Michael Grund erkennen, der mit dem Türsteher sprach und versuchte, ihm einen Geldschein in die Hand zu drücken.

Der tat für ein Interview wirklich alles! Aber das konnte Janick auch!

Doch wenn er sich die Menge vor der Tür ansah, würde er da auf keinen Fall durchkommen.

Es musste doch noch einen anderen Weg da rein geben. Nur welchen?

Durch die Küche hinter der Lounge würde er auf keinen Fall kommen. Der Türsteher schielte schon die ganze Zeit in diese Richtung, wo einer der Barkeeper hinter der Küchentür verschwand. Einen Journalisten, der sich durch diese Tür schmuggelte, würde er auf jeden Fall sofort aufhalten und dann wäre Janick das Gelächter von Michael sicher.

Vielleicht konnte er sich über die Bühne im Konzertsaal in den Backstage-Bereich schmuggeln.

Das war die Idee! In dem alten schwarz-grauen Langarmshirt und der verschlissenen Jeans wirkte er so unscheinbar, dass sicher keiner auf ihn achten würde.

Rasch versteckte er seinen Presseausweis in seiner Hosentasche. Das Ding würde ihn nur verraten.

Bemüht lässig drehte er sich wieder um und lief langsam in Richtung Treppe zurück, die ihn zum Vorraum des Konzertsaals bringen würde. Die Türen standen noch immer offen. Einige letzte Konzertgäste verließen gerade den Saal.

Janick schlug das Herz bis zum Hals, als er sich zwischen den letzten Gästen in die Konzerthalle drängte. Die Lichter waren inzwischen wieder eingeschaltet und offenbarten die volle Größe des Saals. Stimmengewirr kam von der Bühne. Dort unten waren ein paar Bühnenarbeiter zu sehen, die Kabelbündel hin und her trugen und an der Beleuchtung bastelten.

Das war seine Chance!

Noch einmal sah sich Janick um, doch alle im Saal waren damit beschäftigt, für Ordnung zu sorgen. Niemand achtete auf ihn.

Das Grinsen in seinem Gesicht unterdrückend, schlich er sich bei den oberen Reihen bis zur Wand und lief erst hier die Treppe hinunter. An deren Fuß standen einige Müllsäcke. Ein paar Mitarbeiter waren schon damit beschäftig, den Müll der Konzertgäste einzusammeln, und einer dieser Säcke sah bereits ziemlich voll aus. Rasch schnappte er sich diesen und band ihn zu. Das würde seine Tarnung sein, um hinter die Bühne zu kommen.

»He, du da!«

Janick erstarrte, als die laute Stimme hinter ihm den ganzen Saal zum Zittern brachte.

So ein Mist. Er war aufgeflogen! Und dabei hatte er noch nicht mal die Bühne betreten.

Langsam drehte sich Janick zu der lauten Stimme um. Hinter ihm stand einer der Bühnenarbeiter. Die Mütze hatte er verkehrt herum auf, sodass die Kappe über seinem Nacken hing. Die Hose hing straff unter dem dicken Bierbauch, doch der Blick, mit dem der Mann ihn bedachte, sprach Bände.

»Steh da nicht so rum! Bring den Müll raus. Auf dem Rückweg bringst du mir ein neues Teppichmesser mit. Irgendein Idiot hat die Kabel mit Kabelbinder zusammengebunden. Wenn ich rauskriege, wer das war, gibt es ein Donnerwetter, das sich gewaschen hat«, wetterte der Mann.

Rasch schnappte sich Janick den Müllbeutel und machte sich daran, über die kleine Treppe in der Ecke auf die Bühne zu laufen. »Ich bin schon unterwegs«, rief er dem dicken Kerl zu und hoffte, dass der sich nicht weiter so aufregen würde. Sein Gesicht war schon ganz rot angelaufen.

»Na wunderbar! Und wenn es geht, heute noch, Junge!«

Nickend eilte Janick am Vorhang vorbei und stand auch schon hinter der Bühne. Mit einem Mal kam er sich vor, als wäre er mitten in einem Ameisenhaufen gelandet. Es war kaum zu glauben, wie viele Bühnenarbeiter sich hier aufhielten.

Kisten wurden geschleppt, Leitern herumgetragen, Frauen mit den Armen voller Kleider eilten umher. Und mittendrin stand ein Mann mit Ohrstecker und Klemmbrett, der allen Anweisungen zurief.

Janick zog den Kopf ein, bevor dieser Kerl merkte, dass er nicht hierhergehörte.

Der große Bereich hinter der Bühne lag in weniger Licht als der Saal. So fiel niemandem auf, dass Janick sich zur Tür in den Flur schlich und den Müllbeutel daneben stehen ließ.

Auch auf dem Flur hinter der Bühne herrschte reges Treiben. Ständig rannten Bühnenarbeiter an ihm vorbei. Doch er war fest entschlossen. Immerhin war er schon weiter gekommen als Michael Grund.

Der schmucklose enge Flur wurde von nackten Neonröhren in kaltes weißes Licht getaucht. Das Wirrwarr an Fluren schien sich durch den gesamten Backstage-Bereich zu ziehen. Unzählige Türen, die alle gleich aussahen, reihten sich an den Wänden aneinander. Wie um alles in der Welt sollte er nur das richtige Zimmer finden?

Verzweifelt suchte Janick an den Türen nach einem Namen oder einem Stern, der Leylas Garderobe kennzeichnete. Doch neben den Türen befanden sich nur kleine Schilder mit Nummern darauf. Das sagte ihm gar nichts.

»Lassen Sie mich los! Wissen Sie denn nicht, wer ich bin?«

Er verharrte vor Schreck mitten in der Bewegung. Diese Stimme kam ihm so bekannt vor. Aber das konnte nicht sein. Wie war er an dem Türsteher vorbeigekommen? Hatte dieser große, Furcht einflößende Kerl sich am Ende doch bestechen lassen? Und warum war Janick dann nicht auf die Idee gekommen?

Die angelehnte Tür genau vor ihm wurde schwungvoll noch weiter aufgestoßen. In Panik sah sich Janick auf dem Flur nach einem Versteck um. Michael Grund würde jeden Augenblick aus dem Zimmer gebracht werden und sobald sein Kollege ihn sah, würde er ihn verraten.

Die Tür neben ihm stand einen Spaltbreit offen. Dahinter war kein Licht zu sehen. Ohne darüber nachzudenken, riss Janick die Tür auf und stürzte in den Raum. Kaum dass er die Tür hinter sich zugezogen hatte, war von draußen ein lautes Poltern zu hören.

Von Neugier angetrieben, öffnete er die Tür doch wieder einen Spaltbreit. Gerade weit genug, um nach draußen auf den Flur schauen zu können.

Die Bühnenarbeiter eilten noch immer durch die Gänge, doch sie machten einen großen Bogen um den Mann, der Michael wie einen kleinen Jungen am Kragen seiner Jacke gepackt hielt. Obwohl sich Janicks Kollege mit Händen und Füßen wehrte, hielt der Kerl ihn fest, als hätte er einen Hund am Nacken gepackt.

Michael war schon ein großer und kräftiger Kerl, doch als Janick den anderen Mann sah, lief es ihm kalt den Rücken hinunter. Der Kerl war ein Berg an Muskeln. Die Jacke spannte an den Schultern und machte den Eindruck, als würde sie jeden Augenblick nachgeben, sobald sich der Hüne falsch bewegte. Das Gesicht zu einer finsteren Maske verzogen, stieß er Michael zu einem anderen Mann, sodass beide an die gegenüberliegende Wand knallten.

»Bringen Sie diesen Reporter nach draußen«, brummte der Koloss von einem Bodyguard. Sein zweifellos düsterer Blick ließ die beiden erstarren.

Ohne noch ein weiteres Wort zu sagen, drehte sich der Bodyguard wieder um und schloss die Tür, aus der er gerade gekommen war, hinter sich.

Das war nicht gut. Wenn das Leylas Bodyguard war, konnte sich Janick schon mal frisch machen. So würde er auf keinen Fall an sie herankommen.

Laute Stimmen aus dem Nebenraum ließen ihn aufhorchen. Vorsichtig schloss er die Tür, durch die er auf den Flur gespäht hatte, und wandte sich dem anderen Ausgang in diesem kleinen Raum zu. Ein Besen und ein Eimer standen in der Ecke neben einem Schrank. Sonst war das Zimmer leer. Musste wohl die Besenkammer sein. Was für ein Glück!

Die Tür zum Zimmer nebenan war geschlossen, doch durch das Schlüsselloch fiel genügend Licht in die kleine Kammer. Janick spähte hindurch.

Da war sie! Leyla.

Sie zog sich gerade aufgebracht die Perücke von ihrem Kopf und warf sie auf ein kleines Frisiertischchen. Ihr braunes Haar war an ihren Kopf festgesteckt und mit einem feinen Netz zusammengebunden. Ihr hautenges rotes Kleid wehte um sie herum, wann immer sie sich bewegte.

Die beiden anderen Personen ihm Raum sahen zur Tür gegenüber, genau wie der erschreckend große Bernhardiner, der es sich auf einem Sofa gemütlich gemacht hatte.

Seit wann hatte Leyla einen Hund? Das war doch schon mal eine gute Frage für das Interview.

Um die Stimmen aus dem Zimmer besser hören zu können, drückte Janick die Klinke vorsichtig hinunter. Zum Glück war die Tür gut geölt, sodass kein Geräusch zu hören war, als er sie öffnete.

Durch den schmalen Spalt konnte er gut das halbe Zimmer einsehen und alles hören, was gesprochen wurde. Leider verdeckte ein Kleiderständer die andere Hälfte des Raumes und auch die Tür zum Flur, doch ohne ihn hätten sicher alle im Zimmer die Tür zur Besenkammer bemerkt.

»Wie ist dieser Kerl überhaupt in den Backstage-Bereich gekommen?«, fragte Leyla aufgebracht und riss sich die Ohrringe herunter. »Ich dachte, da steht jemand an der Tür, der diese verdammten Journalisten aufhalten soll.« Ihr wütender Blick galt dem Koloss von einem Bodyguard, der noch immer unbeweglich neben dem Sofa stand.

Auf dem einzigen Sessel im Zimmer saß eine junge Frau mit leuchtend rotem Haar, das wild in alle Richtungen abstand. Auch sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah finster zur Tür. Ihr herzförmiges Gesicht musste sonst einen sehr hübschen Eindruck machen.

Leyla warf die Ohrringe auf den Frisiertisch und wandte sich wieder dem Bodyguard zu. »Hast du nicht irgendetwas dazu zu sagen?«

Wieder schwieg der Leibwächter.

»Über diese Aasgeier von der Presse können wir uns später Gedanken machen. Jetzt gibt es erst einmal Wichtigeres zu besprechen. Findest du nicht?«, fragte die junge Frau auf dem Sessel und sah zu Leyla.

Sie ließ die Schultern hängen und wandte sich wieder dem Spiegel zu. Deutlich frustriert begann sie, sich das Geflecht aus den Haaren zu ziehen.

»Zieh einen neuen Kreis, damit wir ungestört reden können«, wies Leyla die junge Frau an.

Diese stand mit neuem Eifer und Tatendrang auf und griff in ihre Umhängetasche. Sie zog ein kleines Fläschchen mit einem glitzernden Puder heraus und streute einiges davon auf ihre Hand. Dann zog sie einen großzügigen Kreis im Zimmer und verstreute dabei das Pulver gleichmäßig im ganzen Raum.

Janick konnte die leise gemurmelten Worte nicht verstehen, doch etwas sagte ihm, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging.

Als der Kreis geschlossen war, ging ein Raunen durch das Zimmer. Etwas, das Janick unter normalen Umständen für einen Luftzug gehalten hätte, streifte sein Gesicht. Ein Gefühl, als würde eine Armee Ameisen über seine Haut krabbeln, überfiel ihn. Nur mühsam konnte er dem Drang widerstehen, sich zu schütteln und die Ameisen von seinen Armen zu klopfen.

So schnell, wie der Luftzug gekommen war, verschwand er. Die junge Frau steckte die kleine Flasche wieder ein und setzte sich auf das Sofa neben den Bernhardiner. Der Hund drängte sich augenblicklich an sie, sodass sie sein Ohr kraulen konnte.

»Das heutige Konzert war in ganz Berlin zu hören«, sagte Leyla und zog die letzte Spange aus ihren Haaren. Die langen dunklen Locken landeten weich auf ihrem Rücken. Sie streckte die Arme aus und fuhr mit den Händen noch ein paar Mal hindurch.

»Das muss aber noch lange nicht heißen, dass deine Nachricht auch von allen gehört wurde«, erklang eine neue männliche Stimme.

Verwundert drückte sich Janick näher an den Türspalt. Diese Stimme gehörte eindeutig nicht zu dem Bodyguard, aber außer ihm war sonst kein Mann im Zimmer. Oder stand noch jemand in der Ecke, die Janick nicht sehen konnte?

»Durch die Live-Übertragung der Radiosender lief das Konzert in ganz Berlin. Sie muss mich gehört haben«, widersprach Leyla, doch sie sah dabei in Richtung Sofa.

»Und was, wenn Brina doch nicht in Berlin ist?«, fragte die junge Frau weiter.

»Sie muss hier sein. In dieser Stadt befinden sich so viele Portale wie sonst nirgends auf der Welt«, erwiderte Leyla. Sie ließ sich vor ihren Frisierspiegel sinken und begann damit, sich abzuschminken. »Brina hatte vor, nach Hause zurückzukehren, sobald sie einen Weg gefunden hat, unsere Feinde zu besiegen. So wie ich sie kenne, wird sie sich nicht sehr weit von so vielen Portalen entfernen, um schnell verschwinden zu können.«

Nach Hause gehen? Feinde besiegen? Wovon sprach sie da?

Janick beschlich mehr und mehr das Gefühl, dass sich hinter Leyla und ihren Auftritten noch etwas ganz anderes verbarg. Offensichtlich versuchte sie, mithilfe ihrer Musik jemanden auf sich aufmerksam zu machen. Und dieser Jemand lebte hier in Berlin.

Die junge Frau erhob sich von ihrem Platz auf dem Sofa. »Wir sollten uns langsam mit dem Gedanken anfreunden, dass Brina vielleicht gar nicht gefunden werden will.«

Leyla drehte sich zu ihr um. Janick konnte leider nicht sehen, welchen Blick sie ihrer Begleiterin zuwarf, doch es war sicher kein freundlicher.

»Brina ist unsere Königin!«, entfuhr es Leyla mit aller Entschlossenheit und Wut. »Sie wird uns nicht im Stich lassen. Wir müssen sie finden, und zwar bevor unsere Feinde es tun.«

Das wurde ja immer besser! Janick drückte sich näher an die Tür. Er war versucht, sie weiter zu öffnen, doch dann würde er sich verraten und er musste unbedingt noch mehr hören. Leyla suchte also eine Königin. Eine, die sich in Berlin aufhielt und sich vor jemandem versteckte! Mit der Story würde er sicher berühmt werden!

Der Bernhardiner auf dem Sofa erhob sich.

»Wenn du so entschlossen bist, sollten wir mit unserem Plan eine Stufe weitergehen«, erklang die fremde männliche Stimme.

Janick fielen beinahe die Augen aus dem Kopf.

Das war der Hund! Der Hund hatte gerade gesprochen!

Was um alles in der Welt ging in diesem Zimmer vor? Hatte er irgendwelche Gase eingeatmet und halluzinierte nun? War er dabei, den Verstand zu verlieren? Nur mit Mühe konnte er sich davon abhalten, beim Anblick des sprechenden Hundes zu schreien.

Plötzlich wurde die Zimmertür mit einem kräftigen Schlag aus den Angeln gerissen und flog quer durch den Raum. Mit einem Aufschrei sprang Leyla zur Seite und riss dabei ihre Freundin mit sich zu Boden. Die Tür knallte in den Spiegel. Holzsplitter und Glasscherben verteilten sich auf dem Teppich.

Was dann durch die Tür ins Zimmer gekrochen kam, ließ Janick nicht nur an seinem Verstand, sondern an der ganzen Welt zweifeln.