Der Fotoautomat

 

...

David ließ die Schultern hängen und folgte seinen Freunden. Billy versuchte noch, ihn mit einem Lächeln aufzumuntern, aber viel half es nicht.

Eric schlenderte an dem Schießstand vorbei. Sicher wollte er sich nicht lächerlich machen. David wusste nämlich ganz genau, dass Eric kein guter Schütze war.

Vor dem kleinen Häuschen mit den Fotoautomaten blieb Eric stehen.

»He. Lasst uns doch ein paar lustige Fotos machen!« Eric wartete nicht erst auf die Zustimmung seiner Freunde, sondern stieg die beiden ausgetretenen Holzstufen hinauf. David konnte sich ein ungeduldiges Stöhnen nicht verkneifen. Eric wollte ihn unbedingt ärgern.

Missmutig folgte er seinen Freunden. Im Häuschen war es schummrig. Die mannshohen Automaten ragten wie Kolosse aus der Dunkelheit. An ihren Seiten prangten Abbildungen der Hintergründe, die einen drinnen erwarteten. Gleich am Eingang stand ein Automat mit einem Westernmotiv. Klar, dass Eric da hineinging. Er riss den schwarzen Vorhang der kleinen Kabine zur Seite und verschwand dahinter.

David schlenderte gelangweilt weiter. Es gab einen Automaten mit dem Labor von Viktor Frankenstein, einen mit Wikingern und sogar einen mit einem Unterwassermotiv. Doch je weiter David nach hinten ging, desto verblasster sahen die Bilder an den Seiten der Automaten aus.

Es dauerte gar nicht lange, bis David die hinterste Ecke erreichte. Hier stand ein Automat im Dunklen. David zog aus seiner Hosentasche die kleine Taschenlampe, die er immer bei sich trug.

David knipste die Lampe an und zuckte zusammen. Auf der Seite des Automaten waren lauter Monster abgebildet. Riesige, dürre und kreidebleiche Kreaturen starrten ihn mit toten schwarzen Augen an. Sie alle rissen ihre zahnlosen Mäuler zu stummen Schreien auf. Davids Hand begann zu zittern, als er entdeckte, was sich zu den Füßen dieser Monster befand.

Lauter Menschen, die in Panik versuchten, vor den Monstern davonzulaufen. Die Abbildungen dieser Menschen waren sehr viel realistischer als die auf den anderen Automaten. Sie sahen so echt aus, dass David den Blick nicht abwenden konnte.

»He!«

David schrie vor Schreck auf und wirbelte herum, nur um einen Moment später in das lachende Gesicht von Eric zu schauen.

»Du Angsthase!«, brüllte er und hielt sich vor Lachen den Bauch. »Du hast dir ja fast in die Hose gemacht!«

David spürte, wie er rot anlief vor Wut. Das durfte er sich auf keinen Fall gefallen lassen! Er hatte sich nicht in die Hose gemacht und er war auch kein Angsthase.

»Halt den Mund!«, rief David. »Ich bin kein Angsthase!«

Eric hörte tatsächlich auf zu lachen. Stattdessen sah er ihn mit einem unverhohlen herausfordernden Blick an. Hinter ihm konnte David auch James und Billy erkennen. Sein bester Freund warf ihm einen besorgten Blick zu.

»So, du bist also kein Angsthase?«, fragte Eric nun.

Eric brauchte nicht lange, um eins und eins zusammenzuzählen. David konnte seinem Gesicht ansehen, was nun kommen würde.

»Wenn das so ist, dann hast du bestimmt nichts dagegen, da drin ein Foto zu machen«, schlug Eric prompt vor.

David schaute zu dem Automaten. Hinter dem löchrigen schwarzen Vorhang war noch nicht mal Licht zu sehen.

»Dafür gebe ich mein Geld nicht aus«, erwiderte David und wollte wieder nach vorn gehen.

»Dann gebe ich dir ein Foto aus«, warf Eric ein.

Noch bevor David ihn aufhalten konnte, hatte er eine Münze in den verrosteten Schlitz des Automaten geworfen und sich blitzschnell zu ihm umgedrehte. Er packte ihn am Arm und schubste ihn durch den Vorhang in die kleine Kabine.

David sah zuerst gar nichts. Eine vollkommene Dunkelheit umgab ihn. Nur das gedämpfte Gelächter von Eric und James vor dem Automaten war zu hören. Dann erklang ein leises Klicken.

Was war das hier?

Angst kroch in ihm hoch. Wo war die Kamera? Und was für ein Bild befand sich auf der Kulisse hinter ihm? Vorsichtig streckte David die Hand in die Finsternis. Seine Finger zitterten, als er nichts ertasten konnte.

Das Klicken hinter ihm wurde schneller. Der Auslöser würde gleich losgehen.

Ein schwaches weißes Licht glomm plötzlich auf. David wollte erleichtert aufatmen, als sich das Licht bewegte. Es formte sich zur Silhouette eines Mannes, der auf ihn zukam.

Der Kerl sollte sich bloß von ihm fernhalten!

Instinktiv wich er zurück.

Plötzlich zuckte ein grelles Licht auf, das ihn blendete. Ein lautes Klacken war zu hören, dann war alles wieder dunkel.

Er rieb sich hektisch die Augen. Wo war der Ausgang? Er musste hier unbedingt raus!

Blind ertastete er den alten Vorhang und stürmte nach draußen. Nach wenigen Metern stieß er mit jemandem zusammen.

»Na, hat doch Spaß gemacht, oder?«, hörte David Eric lachen.

Sehen konnte er allerdings nicht mehr als ein paar verschwommene Umrisse.

»Der Blitz da drin hat mich geblendet«, erklärte David und versuchte mit den Händen etwas zu ertasten. »Ich kann kaum noch was sehen.«

»Jetzt krieg dich wieder ein«, tat Eric seinen Einwand ab. »Sehen wir uns erst mal dein Foto an.«

Das meinte er doch nicht ernst? In diesem Automaten war irgendwas. Er musste hier so schnell wie möglich weg!

»So ein Reinfall«, beklagte sich Eric. »Das ist ja total verschwommen.«

»Lasst uns was anderes machen«, schlug Billy, der sich unbemerkt genähert hatte, plötzlich vor. »Hier ist es so langweilig.«

»Ja, hast recht. Gehen wir mal zu dem Spiegelkabinett«, sagte Eric.

David hörte, wie die Schritte seiner Freunde sich entfernten. Es war Billy, der ihn am Arm nahm und mit sich nach draußen führte.

»Alles klar bei dir?«, fragte er leise.

»Ja, ich kann schon wieder einiges erkennen«, murmelte David.

Als sie die alte Treppe erreichten, sah David alles nur noch ganz leicht verschwommen. Hier draußen war es zwar unangenehm kühl, aber was war schon Kälte gegen dieses Ding da drin? David fühlte sich umso sicherer, je weiter er von dem gruseligen Fotoautomaten entfernt war. Blinzelnd schaute er sich um und sah endlich wieder richtig scharf.

Plötzlich tauchte eine Gestalt zwischen den Leuten an der Losbude auf. David glaubte seinen Augen nicht, als er die hochgewachsene Gestalt mit der kreidebleichen Haut und den toten schwarzen Augen sah. Wie festgefroren blieb David an Ort und Stelle stehen und starrte das Wesen an.

Als das Wesen ihn direkt anstarrte und den zahnlosen Mund weit aufriss, schien die Welt um David herum zu verstummen.

»David!«

Der Klang seines Namens zerriss die Stille. Erschrocken blickte er zur Seite in das Gesicht seines besten Freundes Billy.

»Komm. Eric reißt sonst nur wieder Witze über dich.«

Normalerweise hätte David jetzt eine Bemerkung dazu gemacht, aber die Angst steckte ihm tief in den Knochen. Er folgte Billy zum Spiegelkabinett. Aber die Unruhe blieb. Verstohlen schaute er über die Schulter zur Losbude. Dort standen nur ein paar Leute aus der Stadt herum. Kein zahnloses, kreidebleiches Monster weit und breit.

David zitterte vor Erleichterung.

Ganz eindeutig hatte er sich alles nur eingebildet.

Das Ding, das auf dem Automaten abgebildet war, war nur eine geschmacklose Zeichnung. Nicht mehr.

David versuchte das Zittern seiner Knie zu verbergen, als er hinter Billy die wenigen Stufen zum Spiegelkabinett hinaufstieg. Die Spiegel befanden sich gleich hinter dem Kassenhäuschen. Die Kassiererin schaute David allerdings nicht an. Dennoch legte er ein paar Münzen vor ihr ab und folgte Billy.

Die ersten Spiegel waren Zerrspiegel und gaben David einen dicken Bauch und dann lange dünne Beine. Das lockte ihm zumindest ein kleines Lächeln auf die Lippen. Der Schreck von gerade eben war vergessen.

David bog rasch um die nächste Ecke, um seine Freunde nicht aus den Augen zu verlieren.

Und blieb wie angewurzelt stehen.

Im Spiegel direkt vor ihm war das kreidebleiche Wesen von vorhin zu sehen. Es stand direkt hinter ihm und sah ihn aus seinen schwarzen Augen an. Wieder öffnete sich der zahnlose Mund zu einem stummen Schrei.

David konnte sich vor lauter Angst nicht mehr rühren. Das geschah doch nicht wirklich! Rasch schaute er hinter sich, aber in dem Spiegel dort war nur er zu sehen.

Das war eine Täuschung! Nichts weiter.

Dennoch konnte er ein Zittern nicht unterdrücken, als er wieder nach vorn schaute.

Das kreidebleiche Wesen war noch immer direkt hinter ihm zu sehen. Den Mund hatte es weit aufgerissen. Kälte schlich in Davids Knochen.

Starr vor Schreck sah er, wie sich die Hand des Wesens langsam hinter seiner rechten Schulter erhob. Die knochigen bleichen Finger krümmten sich und schlossen sich um seine Schulter. Tatsächlich spürte er dort plötzlich auch einen deutlichen Druck.

Das geschieht nicht wirklich, redete sich David ein. Das ist alles nur ein Produkt meiner Fantasie. In Wahrheit steht nur Eric hinter mir und spielt mir wieder einen Streich.

Doch David konnte das Zittern nicht mehr unterdrücken. Langsam drehte er den Kopf, um über die Schulter zu sehen.

Aber dort lag nicht die Hand von einem seiner Freunde. Dort krallten sich dünne, knochige und bleiche Finger in den Stoff seiner Jacke.

Ein lauter Schrei entwich seiner Kehle. Mit einem panischen Ruck riss er sich los und stolperte davon.

Das gab es nicht!

Das konnte einfach nicht wahr sein!

David lief kurz entschlossen zu dem Spiegel zurück. Ihm blieb der Atem in der Kehle stecken, als sich die immer noch in der Luft schwebende Hand vor seinen Augen auflöste.

Das war zu viel!

David stieß sich von dem Spiegel ab und stürmte blindlings drauflos. Er musste hier raus! Raus aus dem Kabinett und wieder unter Menschen. Dort würde das Ding ihn sicher nicht angreifen. Seine Freunde würden ihn da draußen schon finden.

Hastig sprang er die Treppe hinunter auf die matschige Wiese und atmete die kalte Nachtluft tief ein. Sein Herz sprang ihm beinahe aus der Brust, aber er hatte das Ding abgehängt!

David schaute hoch. Inzwischen waren Wolken vor die Sterne gezogen. Er senkte den Blick und schaute sich unter den Leuten auf dem Jahrmarkt um.

Ihm blieb fast das Herz stehen.

Da, beim Eingang zum Wikingerschiff! Das bleiche Wesen stand dort, starrte ihn direkt an und riss langsam wieder den Mund zu seinem stummen Schrei auf.

Das konnte doch nicht wahr sein? Wie war dieses Ding vor ihm aus dem Kabinett rausgekommen?

Hilfesuchend schaute sich David unter den Leuten um. Er fasste es nicht.

Da war noch ein Monster. Bei der Losbude. Und noch eines ganz vorn bei der Kasse. Gerade kam noch eines aus dem Häuschen mit den Fotoautomaten.

Es gab eine ganze Armee von diesen Dingern!

Er musste von hier verschwinden! So schnell es ging. Diese Dinger waren hinter ihm her! Er musste ihnen entkommen! Um jeden Preis!

David stolperte über seine eigenen Füße. Zitternd rappelte er sich auf und stürmte blindlings drauflos. Wo war nur auf einmal seine Brille?

Er schubste die Leute vor der Schlange zum Gruseltunnel zur Seite. Hastig rief er ihnen eine Entschuldigung zu, aber keiner schien ihn zu sehen. Alle wunderten sich nur über den heftigen Windstoß.

David blieb keine Zeit, darüber nachzudenken. Das Ding, das vor dem Wikingerschiff aufgetaucht war, setzte sich in Bewegung. Oder besser gesagt, es schwebte über den Boden hinweg.

Es kam direkt auf ihn zu. Wenn es ihn schnappte, würde es ihn umbringen, da war sich David sicher.

Er sprang über die Schiene und stürmte durch die Türen in den Gruseltunnel. Dahinter erwartete ihn nur Dunkelheit. Plötzlich gingen Lichter an und eine alte Puppe, die wie ein Skelett aussah, sauste von der Decke auf ihn zu. Alberne Musik erklang aus Lautsprechern.

Sehr lang war der Tunnel nicht.

Und hier wollte er sich verstecken? Das war doch lächerlich! Er musste hier raus und so schnell wie möglich weg von diesem Jahrmarkt!

Vorsichtig bahnte sich David seinen Weg durch den Tunnel. Der Ausgang tauchte hinter der nächsten Ecke auf. Eine alte Hexenpuppe lachte schaurig neben ihm auf, während sie mit ihren krummen Händen in einem Hexenkessel rührte. Gummifledermäuse baumelten von der Decke herunter.

Nur noch ein paar Schritte, dann hatte er es geschafft!

Die Türen des Ausgangs gingen auf.

Einen Moment dachte David, dass dort eine von diesen kleinen Gondeln hereinfuhr und er versehentlich durch den Ausgang reingekommen war.

Er blieb wie versteinert stehen, als in dem fahlen Licht eine der bleichen Kreaturen auftauchte. Sie schwebte herein und ließ die Türen hinter sich zufallen.

Das durfte nicht wahr sein!

Das Ding hatte ihn gesehen!

Er musste hier weg! So schnell es ging!

David tastete sich rückwärts vor und drehte sich um, nur um im nächsten Augenblick wieder stehen zu bleiben. Die knorrige Hand eines anderen Wesens schlang sich um die sich öffnende Türhälfte am Eingang.

Da kam noch eines dieser Dinger rein!

Wo sollte er nun noch hin? Es gab doch nur die beiden Ausgänge!

David stolperte rückwärts, bis er gegen die Hexenpuppe stieß. Hastig stieg er auf das Podest und versteckte sich hinter der Puppe. Dort entdeckte er plötzlich das schwach erleuchtete Schild für den Notausgang.

Das war seine Rettung!

Ohne noch eine Sekunde zu zögern, stürzte David zum Notausgang und riss die quietschende Tür auf.

Dahinter empfingen ihn die eiskalte Nachtluft und ein zugestellter Hinterhof. Zwei Rückwände von kleinen Wohnwagen bildeten hier eine Gasse, die allerdings mit mehreren Kisten zugestellt war.

So viel Pech konnte auch nur er haben!

Hinter ihm drückte etwas gegen die Tür des Notausganges.

David begann zu hyperventilieren. Wenn er nicht handelte, würde er sterben!

Er stürmte auf die Kisten zu und warf zwei von ihnen um. Nun war der Weg zwar frei, doch was ihn hinter den Kisten erwartete, war einfach nur schrecklich.

Gleich drei dieser bleichen Kreaturen in ihren wehenden schwarzen Umhängen glitten lautlos auf ihn zu. Ihre Blicke waren fest auf ihn gerichtet. Sie öffneten ihre Münder, als wollten sie ihn verschlingen.

Das war es dann wohl.

Das war sein Ende!

Panisch schaute sich David nach allen Seiten um, aber es gab keinen Ausweg mehr. Die Wohnwagen waren zu tief in den Boden eingesunken, als dass er darunter hindurchkriechen konnte.

Langsam stolperte David zurück, bis er mit dem Rücken gegen eine Wohnwagenwand stieß.

Zwei weitere Monster quetschten sich durch den engen Notausgang nach draußen und schlossen sich ihren Brüdern an.

Das war ein Traum! Ein finsterer Albtraum! Er musste irgendwie aufwachen.

David kamen die Tränen.

Er fing an zu schreien. Vielleicht konnte er sich so selbst aufwecken. Und wenn es doch kein Traum war, dann würde ihn irgendjemand hören und ihm zu Hilfe kommen.

Die Monster kamen immer näher und versperrten ihm die Sicht, bis er nur noch ihre weißen Gesichter sah und die weit aufgerissenen, zahnlosen Münder. In ihren Augen glomm ein winziger roter Punkt auf.