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Dann wollten wir mal sehen, was sich hinter dem Schätzchen verbarg. Ich rückte die quadratische Schachtel aus samtbezogenem Karton ein letztes Mal zurecht, bis sich ihre Kanten exakt parallel zu denen des Couchtisches befanden.

Ich dehnte meine Finger und zog die dünnen Handschuhe glatt, ehe ich den Deckel anhob und die Taschenuhr herausnahm. Schwer wog das Messing in meiner Hand, und ich drehte sie immer wieder herum. Über die Rückseite zogen sich feine Gravuren, und die Ziffern auf dem Uhrenblatt zeigten das gleiche Schwarz wie der Samt der Hülle. Die Zeiger wirkten so dünn, ich war mir sicher, sie würden zerbrechen, wenn man sie herausnähme. Dennoch konnte ich nicht anders, als die wunderschönen Schnörkel der Zeiger zu bewundern. Egal ob Fälschung oder nicht, bei der Uhr handelte es sich offenbar um eine Handarbeit.

Die Uhr rutschte auf meinen Handschuhen hin und her. Der gelbe Latex ließ mich fast aussehen wie eine Antiquarin, doch ich verfügte über einen deutlichen Vorteil gegenüber anderen Antiquitätenhändlern. Einen, mit dem ich eine Nachbildung eindeutig identifizieren konnte.

Ich ließ die Uhr in die linke Hand gleiten. Mit meinen Zähnen zog ich den Latexhandschuh von der anderen herunter. Augenblicklich schlug mein Herz schneller. Unter normalen Umständen nahm ich die Handschuhe nie ab. Sobald ich einen Gegenstand mit bloßen Händen berührte, sah ich vor meinem inneren Auge die komplette Vorgeschichte dieses Objektes. Das funktionierte auch bei Menschen, Tieren und Pflanzen und hatte mich als Kind fast in den Wahnsinn getrieben.

Vorsichtig legte ich den Handschuh auf den Couchtisch. Meine Finger zitterten. Ich musste all meine Konzentration zusammennehmen, damit meine Fähigkeit nicht außer Kontrolle geriet, was mir schon seit vielen Jahren nicht mehr passiert war.

Behutsam strich ich mit den Fingerspitzen über das kühle Metall. Ich schloss meine Augen und öffnete den Kanal, der meine Begabung in Zaum hielt. Von einer Sekunde auf die nächste schossen Bilder durch meinen Kopf: Chinesische Arbeiter nahmen die Teile der Uhr aus kleinen Plastikbehältern, steckten sie mit flinken Fingern zusammen und legten sie dann zu anderen in einen weiteren Behälter. Ein anderer Arbeiter holte die Schale schließlich ab. Die Uhr wurde noch einmal kontrolliert, poliert und dann mit Knisterfolie verpackt.

Ruckartig riss ich meine Hand von der Uhr. Ich warf die Fälschung auf den Tisch, schnappte mir den Handschuh und streifte ihn hektisch über meine Hand. Erst als ich den Latex auf der Haut spürte, atmete ich durch. Die Handschuhe halfen mir, meine Fähigkeit zu kontrollieren, wie ein Rettungsring, an den ich mich verzweifelt klammerte.

Noch einmal atmete ich tief durch, bis mein Herz sich beruhigte. Ich massierte meine Hände, während ich vom Sofa aufstand und mich zum Fenster umdrehte. Dank der niedrigen Häuser in Kreuzberg konnte man vom Wohnzimmer der kleinen Wohnung einen freien Blick auf den Himmel erhaschen.

Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, als ich nach oben schaute. Nicht eine Wolke zeigte sich. Das war zu gut, um wahr zu sein. Perfektes Wetter für eine Sonnenfinsternis!

»Sam, beeil dich! Wir kommen noch zu spät!«, rief ich in Richtung Flur.

Mein Blick glitt durch unser kleines Wohnzimmer. Auf einer Kommode an der gegenüberliegenden Wand reihten sich einige Fotos aneinander. Darunter war auch eines, das mich auf einem Pferd auf der Ranch meines Vaters zeigte, und viele von mir und meiner Mitbewohnerin in ihren ausgefallenen Kleidern. Doch gleich hinter diesem Foto sah ich ein anderes, bei dessen Anblick wieder Wut in mir hochkam.

Wütend stapfte ich durch das Zimmer und schnappte mir den Bilderrahmen. Aufgebracht nahm ich ihn auseinander und riss das Foto von mir und meinem Freund heraus. Diesem Arschloch, das letzte Woche mit mir Schluss gemacht hatte. Am Valentinstag! Welcher Mistkerl machte denn so was?

Dieses Schwein, das lieber ins Fitnessstudio ging, als mit mir ins Kino, sollte endgültig aus meinem Leben verschwinden. Ich riss das Bild in winzige Schnipsel und steckte sie in die Hosentasche. Unterwegs würde ich die Fetzen in einem Mülleimer entsorgen.

Das perfekte Ende für diese gescheiterte Beziehung.

»Ah. Du verbannst diesen Vollidioten also endlich aus deinem Leben. Sehr gut. Mach so weiter, Süße«, erklang die Stimme meiner besten Freundin.

Sam stand in der Tür zum Flur und zeigte mir den erhobenen Daumen.

Ich konnte jedoch nur ihr Kostüm bewundern.

Meine Freundin machte schon seit Jahren kein Geheimnis aus ihrer Begeisterung für Steampunk. Heute trug sie einen knöchellangen dunkelroten Rock, den sie auf der rechten Seite mit einem seidenen Strumpfband bis zum Knie hochgebunden hatte, sodass ich ihre Stiefel und die bestickten Strümpfe sehen konnte. Ihre weiße Bluse steckte unter einer braunen Lederweste.

Eine schwarze Halskette, ebensolche Armbänder zum Teil aus Metall und seidene Handschuhe hoben sich deutlich ab, und ihr kurzes rotes Haar steckte unter einer Fliegerbrille.

»Und? Wie findest du es?«

»Du siehst aus wie eine Romanfigur von H. G. Wells«, antwortete ich mit einem Lächeln. Diese Aufmachung war eine Verbesserung ihrer bisherigen Outfits, die sie aussehen ließen, als käme sie direkt aus dem Maschinenraum der Titanic.

»Ziel erreicht«, trällerte sie fröhlich und wandte sich zur Garderobe.

Ich folgte Sam nach draußen und rollte mit den Augen. »Wir gehen nur in den Park, um uns eine Sonnenfinsternis anzusehen, und nicht wegen einer Modenschau.«

»Was noch lange nicht bedeutet, dass ich aussehen muss wie ein Penner, sobald ich das Haus verlasse.«

Ich nahm den Schal von der Garderobe und betrachtete mich noch einmal im Spiegel. Meine braunen Locken standen mal wieder wirr um meinen Kopf. Da half nur noch eine Mütze, die diesen Wirrwarr unter sich begrub. Aber zum Glück hatte ich heute keine Ringe unter den Augen, auch wenn das matte Graugrün der Iriden mein Gesicht bleich aussehen ließ. Ich sollte wirklich mehr Make-up auflegen.

Sam warf einen Umhang aus schwarzem Samt um und drapierte den Stoff auf ihren Schultern. »Und was deine Flasche von Exfreund angeht, kann ich dir nur raten, den Kerl zu vergessen. Der verdient dich nicht. Genau wie dieser Idiot, der damals deinen Videorekorder verkaufte, um Geld für Drogen zu haben. Oder der andere Kerl, der dich mit so ziemlich jedem Flittchen auf der Schule betrog.«

Beim Gedanken daran, was ich gesehen hatte, als ich damals die Unterhose dieses Schürzenjägers berührt hatte, wurde mir noch immer schlecht. Wie konnte dieses Flittchen das mit der Unterwäsche eines Mannes machen und danach noch genug Selbstachtung haben, um in den Spiegel zu schauen?

Ich vergrub die schlimmen Erinnerungen und zog meine Jacke an. »Übrigens, deine Taschenuhr ist eine Fälschung. Das Ding wurde erst vor wenigen Monaten in China hergestellt.«

»So ein Mist!«, fluchte Sam hinter mir. »Die Bestellung kann ich jetzt vergessen. Meine Kunden steigen mir aufs Dach, wenn ich Ramsch aus China anbiete.«

Ihr Meckern hörte erst im Hausflur auf. Die alte Holztreppe knarrte unter meinen Schritten. Erst draußen wechselte sie das Thema. Sie schlang ihren Arm unter meinen und zog mich über die Straße.

»Was die Sache mit den Männern angeht, solltest du dich in Zukunft auf meinen Rat verlassen. Dein Geschmack, was das andere Geschlecht angeht, ist grauenvoll.«

»Danke für die aufmunternden Worte«, murmelte ich.

»Jetzt sei doch nicht gleich wieder beleidigt. Ich meine es nur gut.«

»Ich bin keineswegs beleidigt. Ich will nur nicht über meinen Ex reden, den ich im Übrigen schon vergessen habe.«

»Das ist die richtige Einstellung«, jubelte sie und strahlte mich an. »Heute Abend gehen wir aus. Dann suche ich dir einen süßen Kerl, der dich nicht verarscht.«

Ich ließ die Schultern hängen, sagte aber nichts dazu. Sam hatte es sich in den Kopf gesetzt, meinem Singledasein ein Ende zu bereiten. Selbst mit Protest würde ich sie nicht umstimmen können.

Bis zum Theodor-Wolff-Park, von dem aus man einen freien Blick auf die Sonnenfinsternis hatte, brauchten wir nur ein paar Minuten. Zu meiner großen Überraschung wimmelte der Park nur so vor Menschen. Bei der Kälte der letzten Tage und dem vielen Schnee hatte ich damit gerechnet, hier auf nur wenige Leute zu treffen. Doch die Sonnenfinsternis lockte viele Schaulustige aus ihren Wohnungen.

Sam ergatterte einen Platz bei einer Bank am Wegesrand. Hier standen uns die Bäume nicht im Weg, sodass wir einen guten Blick auf die Sonne hatten.

Ich zog den Kragen der Jacke höher und sah mich unter den Passanten um. Natürlich waren überwiegend Pärchen und junge Familien hier. Als wollten mich alle ärgern.

Entschlossen, mir nicht den Tag vermiesen zu lassen, schaute ich nach oben in den wolkenlosen blauen Himmel. Meine Hand glitt in die Jackentasche, wo die Papierbrille mit der getönten Folie ruhte, die Sam aus ihrem Laden mitgebracht hatte. Mit Hilfe dieser Brille würde ich gleich den Perlenring sehen, der sich um den Mondschatten bildete. Berlin lag zwar nicht im Kernschatten der Sonnenfinsternis, dennoch würden wir einen spektakulären Ausblick haben.

»Warum muss die Sonnenfinsternis auch im Februar sein?«, beklagte sich Sam.

»Hätte das nicht im Sommer stattfinden können? Dann würde ich mir jetzt nicht die Füße abfrieren.«

»Du hättest dir auch dicke Schuhe und Hosen anziehen können«, murmelte ich lächelnd.

Sam verzog das Gesicht. »Meine Follower erwarten regelmäßig neue Kostüme auf meinem Blog. Ich kann diese Leute nicht enttäuschen. Meine Boutique hängt davon ab.«

»Dann beklag dich auch nicht«, erwiderte ich und grinste in mich hinein.

Es war nicht das erste Mal, das Sam sich nicht dem Wetter entsprechend kleidete. Im letzten Winter hatte sie sich eine Nierenbeckenentzündung geholt und zwei Wochen im Bett gelegen. Ich hatte ihr damals schon gesagt, dass sie sich im Winter dicker anziehen sollte, aber sie hörte nicht auf mich.

Aber – was …? Ahh! Es fühlte sich an, als würde mir jemand Nägel durch die Schädeldecke jagen. Ich schloss kurz die Augen und rieb mir die Schläfe.

Wo kam das auf einmal her?

»Hast du zu lange in die Sonne geschaut?«, erklang Sams Stimme wie aus weiter Ferne.

Das konnte nicht sein. Sie stand doch genau neben mir.

Ich öffnete die Augen und sah zu ihr. Meine Sicht verschwamm, und in meinem Kopf drehte sich alles. Selbst mein Magen machte Anstalten, sich nach außen zu stülpen. Ich wollte antworten, doch meine Stimme versagte. Es fühlte sich an, als würde sich mein gesamter Körper aufbäumen. Bekam ich eine Krankheit? Hatte ich mich im Büro bei einem Kollegen angesteckt?

Nach wenigen Sekunden verschwand der Schmerz aus meinem Kopf. Auch mein Magen beruhigte sich, und meine Augen nahmen ihre normale Tätigkeit auf. Ich atmete durch und lehnte mich an die Rücklehne der Parkbank. So schlecht hatte ich mich nicht mehr gefühlt, seit ich mit Eintritt der Pubertät die Medikamente von Doktor Wittner abgesetzt hatte.

Noch einmal rieb ich über meine Stirn, dann versuchte ich es mit einem ehrlichen Lächeln. »Es ist nichts, mir geht es gut«, murmelte ich.

»Das glaube ich nicht. Du bist so blass wie ein Gespenst, oder schlimmer, wie ein Vampir.«

Diesmal musste ich lachen. Sam war der einzige Mensch, der wirklich an Vampire und all die anderen Wesen glaubte, die der Fantasie von Schriftstellern mit zu viel Zeit entsprungen waren.

»Es ist nichts«, wiederholte ich.

Aber der besorgte Ausdruck in ihrem Gesicht verschwand nicht. »Na schön, aber sobald du dich schlechter fühlst, bringe ich dich nach Hause, und wir rufen deinen Arzt an.«

Ich nickte stumm, obwohl mich die Aussicht auf einen Arzttermin alles andere als berauschte. Meine Mutter befürchtete damals, die von ihm verschriebenen Mittel könnten meine Entwicklung stören. Um mich abzulenken, warf ich einen Blick auf meine Uhr. Er sagte mir, dass die Sonnenfinsternis schon begonnen hatte. Ich setzte meine Pappbrille auf und sah nach oben.

Tatsächlich. Die Sonne war keine vollkommen runde Scheibe mehr. Ganz am Rand hatte sich der erste Zipfel des Mondes davor geschoben. Mit angehaltenem Atem schaute ich weiter hinauf. Es dauerte mehrere Minuten, in denen sich der Mond millimeterweise vor die Sonne schob. Immer wieder sah ich mich im Park um. Es wurde fortwährend dunkler, die Menschen drängten sich enger aneinander und blickten mit Pappbrillen auf den Augen gen Himmel.

Sam rückte näher an mich heran und schob ihren Arm unter meinen.

Ich sah erneut empor, wo von der Sonne nur noch ein schmaler Streifen übrig war. Als der Mond sich endgültig vor die Sonne schob, bildete sich am Rand des Schattens ein Ring aus leuchtenden, strahlenden Perlen, wie eine Kette mit einem großen Juwel. Um uns herum wurde es Nacht, nichts regte sich mehr. Selbst von der Straße her wurde es ruhiger. Es schien, als würde die ganze Stadt stillstehen und gebannt nach oben sehen. Ein Lächeln schob sich auf meine Lippen. Was für ein Anblick!

Der Anfall kam so plötzlich, dass ich nicht wusste, wie mir geschah. Im einen Moment stand ich noch auf meinen Füßen und im nächsten riss mich ein heftiger Krampf zu Boden. Die Schmerzen in meinem Kopf wurden unerträglich, als würde jemand einen glühenden Schraubendreher durch meinen Schädel bohren und damit in meinem Gehirn herumwühlen. Das Letzte, was ich erkannte, war Sam, die sich mit verzerrtem Gesicht über mich beugte. Oberhalb ihrer Schulter sah ich die Sonnenfinsternis. Dann folgten die ersten Bilder, die wie Geister in meinem Kopf auftauchten ...

 

Ich lief mit meinen Freundinnen über den Hinterhof des Herrenhauses zur Mauer. Dort gab es einen kleinen Schuppen mit einem Holzlager gleich daneben. Wir rafften unsere Röcke und kletterten auf die Holzscheite. Über das Dach des Schuppens gelangten wir auf das Mauerwerk. Schließlich saßen wir zu sechst wie die Hühner auf der Stange und schauten gen Himmel. Obwohl es Juli war, wehte ein kalter Wind durch die Straßen. Doch das interessierte uns nicht. Ich schob meine Hand in die Rocktasche und ertastete die kleine Glasscheibe. Thomas hatte sie mit Kohle und Fett geschwärzt, damit wir alles sehen konnten, ohne zu erblinden.

»Ich bin so aufgeregt«, erklang die Stimme meiner besten Freundin Mary, die sich an meinem Arm festhielt.

»In der Zeitung schreiben sie, die Sonnenfinsternis wird ein einmaliges Erlebnis sein«, begann Annabell, die in der Mitte saß. »Weil wir uns so weit nördlich befinden, können wir eine Sonnenfinsternis nicht oft miterleben. In Island wird man nie das Glück haben.«

Ich sah nach oben. Es tummelten sich nur wenige Wolken, als ob jemand den Himmel gesäubert hätte, damit man die Finsternis in ganz Edinburgh erleben konnte. Es würde nur ein paar Minuten dauern, aber das reichte schon aus, in der ganzen Stadt bereits seit Stunden alles stillstehen zu lassen. Jeder wollte dieses Ereignis betrachten. Selbst die edlen Herren, für die ich arbeitete, hatten längst das Haus verlassen und sich zu Freunden aufs Land begeben, um die Finsternis zu genießen. Das gab uns Bediensteten die perfekte Gelegenheit, die Arbeit zu unterbrechen. Andere hatten nicht so viel Glück.

»Seht nur, es geht los!«, rief Mary in mein Ohr.

Rasch zog ich mein geschwärztes Glas hervor und hielt es mir vor die Augen.

Durch die Kohle und das Fett konnte ich die Sonne sehen. Sie schwebte wie eine glühende Scheibe am Himmel. Am Rand hatte sich der erste Stückchen des Mondes vor sie geschoben. Wir hielten den Atem an und klammerten uns aneinander. Um uns herum wurde die Welt in nächtliche Dunkelheit getaucht. Immer wieder schaute ich in die Gasse hinter der Mauer und zur Straße, die sich nur wenige Schritte von uns entfernt vorbei zog, um zu sehen, wie dunkel es wurde. Alles wurde finster. Dass die Laternen nicht leuchteten, war der einzige Anhaltspunkt dafür, dass es noch Tag war.

Ich sah wieder hinauf. Der Mond hatte sich vor die Sonne geschoben. In der Zeitung stand, dass wir am Rand des Schattens seien und daher keine vollkommene Sonnenfinsternis sichten konnten. Dennoch war der Anblick, der sich uns bot, atemberaubend. Um den Schatten des Mondes bildete sich eine Kette aus leuchtenden Juwelen. An einer Stelle verdeckte der Mond die Sonne nicht vollständig, sodass eine große, leuchtende Perle entstand. Es sah aus, als würde am Himmel ein gewaltiger Ring mit einem riesigen Juwel hängen.

Nach wenigen Minuten schob sich der Mond wieder von der Sonne weg. Ich merkte erst jetzt, wie schnell mein Herz schlug. Meine Freundinnen waren mucksmäuschenstill geworden und sahen, wie ich, ehrfürchtig himmelwärts. Als der Mond wieder verschwand, jubelten wir und fielen einander um den Hals. Das würde für immer der schönste Moment meines Lebens sein. Auch wenn meine Mutter sagte, mit meinen sechzehn Jahren würde ich noch sehr viele schöne Momente erleben. Ich hoffte nur, dass meine Familie zu Hause auch einen guten Ausblick auf die Finsternis gehabt hatte.

 

Der Schmerz in meinem Kopf verschlimmerte sich, als die nächsten Bilder vor meinem inneren Auge auftauchten ...

 

Ich lag bäuchlings auf dem Boden. Seine dunkle Aura legte sich wie ein Mantel auf meinen geschundenen Körper. Ich spürte jede Wunde, jeden gebrochenen Knochen. Jeder Atemzug schmerzte in meinen brennenden Lungen, und ich konnte kaum die Augen offen halten. Die Kraft hatte meine Arme und Beine verlassen, dennoch schaffte ich es, mit meiner rechten Hand die Zeichen zu vollenden. Der Dämon brüllte auf, als sich unter ihm ein Tor öffnete. Sein Brüllen malträtierte meine Sinne, bis meine Trommelfelle rissen. Ich merkte, wie warmes Blut aus meinen Ohren tropfte. Noch einmal schleuderte der Dämon seine Tentakel um sich, hieb auf meinen Rücken und brach mir die letzten heilen Rippen. Ich presste meine Lippen zusammen. Er sollte meinen Schrei keinesfalls hören. Vor diesem Monster, das so viele getötet hatte, würde ich nicht Schreien. Das Tor verschlang ihn und schloss sich. Angenehm kühle Luft breitete sich aus, kühlte meinen geschundenen Hals und meine schmerzenden Lungen. Doch mein Herz pochte immer langsamer. Ich fühlte, wie das Leben meinen Körper verließ. Mit meinem letzten Atemzug formte ich die Worte, die ich noch sagen wollte. Das Versprechen, das ich um jeden Preis einhalten würde. Dann schloss ich meine Augen, und eine alles verschlingende Kälte breitete sich in meinen Gliedern aus.