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Der Lärm der Menschen war schon von der Straße aus zu hören. Die Highland Games auf der Burg MacConn hatten nicht nur die Straßen in einem Umkreis von mehreren Kilometern verstopft, nein, sie verursachten auch noch einen solchen Radau, dass sich ein Dämon nicht einmal anschleichen musste.

Nur leider war Thore ja gar kein Dämon mehr.

Wütend ballte er die Hände zu Fäusten und rammte sie in die Taschen seiner Jacke. Kühler Herbstwind schlug ihm ins Gesicht, als er sich quer durch den Wald schlug, um die Burg zu erreichen. Er war nun schon seit einigen Monaten wieder ein Mensch.

Um genau zu sein, seit Maddy auf die glorreiche Idee gekommen war, ihren geliebten Vampir mithilfe eines Fluches wieder in einen Menschen zu verwandeln. Blöderweise hatte sie bei der Ausübung des Fluches auch alle anderen Dämonen im Umkreis erwischt.

Und da er zu diesem Zeitpunkt durch einen Bann an sie gefesselt gewesen war, hatte er nicht einmal weglaufen können!

Er konnte immer noch spüren, wie der Fluch ihn am Fuß erwischt hatte. Ein Brennen war durch seinen Körper gewandert, als er seine volle Wirkung entfaltet hatte. Thore hatte keine Luft mehr bekommen und gedacht, er müsse sterben.

Sein Entsetzen war gewachsen, als er nach wenigen Minuten als Mensch aufgewacht war. Dieses verdammte Miststück hatte ihn in ein lebendiges Wesen verwandelt! Wie hatte sie es wagen können!

Am liebsten hätte Thore gleich in diesem Moment seine Rache an dieser verfluchten Priesterin genommen, aber ihr treuer Schatten, dieser Mistkerl von Vampir, hatte ihm den Weg abgeschnitten.

In Anbetracht der Tatsache, dass in diesem Moment so viele Dämonen und feindlich gesinnte Krieger um ihn herum gewesen waren, hatte Thore beschlossen, vorerst den Rückzug anzutreten.

Es hatte Wochen gedauert, bis er sich an seine neue Existenz als Mensch gewöhnt hatte. Er verstand nicht, wie Menschen das aushielten. Der ständige Hunger, die Müdigkeit und die Schmerzen, wenn er auch nur versuchte, etwas anzuheben, das zu schwer für ihn war.

Für all die Schmach würde er Maddy bezahlen lassen!

Heute würde sie sterben!

Und zwar durch seine Hand!

 

Endlich kam die Burg in Sicht. Auf der Wiese, auf der noch vor wenigen Monaten eine Schlacht getobt hatte, standen jetzt kleine Zelte und Buden. Überall tummelten sich Besucher, Fahnengirlanden und prächtige Banner des Clans MacConn hingen über dem Geschehen. Schon an der Waldgrenze stieg Thore der köstliche Duft von gebratenem Fleisch in die Nase und sein Magen knurrte.

Er konnte es kaum erwarten, sich wieder in einen Dämon zu verwandeln. Hatte er erst einmal seine Rache bekommen, würde er sich auf den Weg nach Russland machen und einen Dämon aufsuchen, den die Menschen als Krampus kannten.

Er trieb sich irgendwo in Sibirien herum, und auch wenn er heute wahrscheinlich nur noch ein Schatten seiner selbst war, konnte Krampus dennoch wieder einen Dämon aus ihm machen.

Thore war egal, welchen Preis er dafür zahlen musste. Er schlug den Kragen seiner Jacke höher und trat zwischen den Bäumen hervor.

Lachende Menschen spazierten zwischen den Zelten umher. Es wurde gegessen, getrunken und gespielt. Auf einem Platz versagten einige Männer jämmerlich beim Versuch, ein paar der Krieger des Clans beim Tauziehen zu schlagen. In der Nähe eines Zelts schlugen kleine Kinder mit Holzstöcken nach einer Bärenfigur, die von einem Mann immer wieder hochgezogen wurde.

Thore schritt zwischen den Zelten hindurch und hielt Ausschau nach der einzigen Frau, die sich heute ganz sicher nicht zurückziehen würde. Nach allem, was er wusste, war Maddys Menschenfreundin schuld daran, dass heute diese albernen Highland Games gefeiert wurden. Irgendwo hier musste sie sein. Er brauchte sie nur in die Finger zu bekommen und konnte sie dann zwingen, ihn zu Maddy zu bringen.

Auf der großen Wiese übten sich ein paar Kerle im Baumstammwerfen, sie stellten sich dabei gar nicht mal schlecht an. Über einem großen Feuer wurde derweil ein Wildschwein gebraten. Das Vieh hatte sogar einen Apfel im Maul!

Thore versuchte, nicht zu tief einzuatmen. Ein knurrender Magen war jetzt das Letzte, das er brauchen konnte.

Ein Mann stieß mit ihm zusammen und brachte Thore zum Stolpern. Der Kerl grunzte eine Entschuldigung und wankte dann weiter.

Wütend schaute Thore ihm nach. In den guten alten Zeiten hätte er diesen dämlichen Menschen mithilfe seiner Stimme dazu gebracht, den Kopf in das Feuer unter dem Wildschwein zu halten. Jetzt konnte er sich nur noch damit begnügen, dem Mann einen vernichtenden Blick zuzuwerfen.

Konzentrier dich, Thore! Du musst die Rothaarige finden und deinen Plan so schnell wie möglich zu Ende bringen. War sein Attentat auf Maddy erst einmal geglückt, würde er das Chaos ausnutzen und von hier verschwinden.

Hinter einem weiteren Zelt, wo irgendwelche Süßigkeiten an Kinder verteilt wurden, fand er endlich den Schießstand. Die Besucher des Festes konnten hier mit einem echten Bogen Pfeile auf mehrere Zielscheiben schießen.

Thore hielt sich hinter dem Zelt und spähte zu den Leuten an der Startlinie hinüber.

Die meisten von ihnen stellten sich beim Abschießen so dumm an, dass er verstehen konnte, warum der Stand so weit hinten aufgebaut worden war. Die Pfeile, die ihr Ziel verfehlten, landeten in einer Mauer aus Strohballen hinter den Zielscheiben. Dort steckten schon einige, und es würden heute wohl noch sehr viele dazu kommen.

Unter denen, die sich mit dem Bogen abmühten, entdeckte Thore endlich ein bekanntes Gesicht.

Der junge Krieger Collin MacConn ging zwischen den Möchtegernschützen hin und her und gab Tipps, die rein gar nichts bewirkten.

Wie oft hatte Thore diesem Krieger schon in einer Schlacht gegenübergestanden und war einem seiner Pfeile nur in letzter Sekunde ausgewichen. Jetzt hätte er nicht mehr die Kraft dazu, geschweige denn die Schnelligkeit.

Hinter MacConn tauchte die Rothaarige auf. Sie steckte mal wieder in einem sehr merkwürdigen Kleid. Das Korsett trug sie über der Bluse und das gesamte Kleid war mit Nieten und Zahnrädern geschmückt.

Und das sollte hübsch sein? Na ja, wenn er das Kleid erst einmal mit dem Blut der Rothaarigen getränkt hätte, würde es besser aussehen.

Thore drückte sich näher an eines der Zelte am Rand des Schießstandes.

Die Rothaarige schaute nur zu Collin und stand ziemlich weit abseits. Niemand würde ihr Verschwinden bemerken. Und so viel, wie Collin gerade mit seinen Schützlingen zu tun hatte, würde er sich auch so schnell nicht nach der Frau umdrehen.

Mit einem siegessicheren Grinsen auf den Lippen schlich Thore um das Zelt herum. Er folgte dem Weg bis zu einem schmalen Zelt. Nichts als einige Kisten Leergut und prall gefüllte Popcorntüten standen hier herum. Musste wohl ein Lager sein. Aber Popcorn bei Highland Games?

Was interessierte es ihn! Er war schließlich nicht zum Essen hergekommen. Mit einem Seufzen beugte er sich herunter und zog sein Hosenbein etwas nach oben. In einer kleinen Scheide, die er fest um sein Schienbein geschnallt hatte, steckte ein Dolch mit einer zehn Zentimeter langen Klinge. Früher hätte er von solchen weibischen Waffen die Finger gelassen, aber inzwischen hatte er erkannt, wie nützlich solche Dinger sein konnten. Besonders, wenn man sich an jemanden heranschleichen wollte, um ihm das Messer in die Brust zu rammen.

Er packte den Dolch am Griff und zog ihn aus der Scheide. Jetzt musste er unauffällig bleiben. Die Waffe eng an den Körper gedrückt schlich er sich zur anderen Seite aus dem Zelt und sah sich umzusehen. Die wenigen Menschen, die er hier sah, konzentrierten sich voll und ganz auf die Spiele und das Essen, das es an jeder Ecke zu kaufen gab.

Menschen!

Kaum stellte man ihnen etwas Essbares vor die Nase, interessierten sie sich für nichts anderes mehr!

Leise schlich Thore zwischen den Zelten hindurch. Er machte einen kleinen Umweg, um sich von hinten an den Schießstand und somit an die Rothaarige heranzuschleichen. Hier hinten, so dicht an der Mauer der Burg, waren der Lärm und die Musik des Festes kaum noch zu hören.

Die Augen fest auf den Zeltunterstand des Schießstandes gerichtet, bahnte sich Thore einen Weg über das ausgetretene Gras.

»Du solltest dich lieber wieder hinlegen«, hörte er plötzlich eine ihm sehr vertraute Stimme.

Das konnte nicht sein!

Der Kerl würde sich doch nicht allein aus der Burg wagen!

Thore blieb wie angewurzelt zwischen den Zelten und dem Schießstand stehen und drehte sich langsam um.

Dort drüben, gleich vor einem schmalen Tor, das zum Garten hinter der Burg führte, stand Darvin. Und an seinem Arm hing die verfluchte Priesterin!

Maddy hielt sich mit beiden Händen an Darvin fest und schaute zu ihm auf. Ihre Haut war ungewöhnlich blass und sie hatte tiefe Ringe unter den Augen, als hätte sie tagelang nicht geschlafen. Sie trug eine Jeans und eine Jacke, ihr Körper schien die Kleidung nicht mehr richtig auszufüllen. Auch ihr Gesicht wirkte etwas schmaler als früher.

Die Priesterin! Thore konnte sein Glück kaum fassen.

Dort, nur zwanzig Meter von ihm entfernt, stand sein Ziel zusammen mit seinem Erzfeind, und keiner der beiden hatte ihn bisher bemerkt! So viel Glück konnte ein Mann allein doch gar nicht haben.

Darvin und Maddy schauten einander noch immer tief in die Augen. Sie sagte etwas, das Thore nicht verstehen konnte. Aber die beiden waren noch immer mit sich beschäftigt, er musste seine Gelegenheit nutzen.

Thore ließ den Dolch in seine rechte Hand gleiten und schlich zu den Zelten zurück. Die Augen fest auf sein Ziel gerichtet, schob er sich rückwärts an der Zeltwand entlang. Er musste nur ein wenig warten, bis Maddy und Darvin näher kamen. Dann konnte er sich von hinten auf Maddy stürzen und ihr den Dolch ins Herz rammen.

So anzugreifen war zwar nicht seine Art, aber er musste die Gelegenheit nutzen.

Thore fixierte Maddy, während seine Finger das Leder des Dolchgriffs streichelten. Er packte seine Waffe fester.

Darvin und Maddy setzten sich in Bewegung.

Genau in seine Richtung. In ihren sicheren Tod.