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Dieser Morgen würde der schlimmste Morgen werden, den sie an einer neuen Schule je gehabt hatte, da war sich Mina sicher. Schon seit einer Stunde stand sie vor ihrem Schrank und probierte ein Outfit nach dem anderen aus. Nach ihrem gestrigen Auftritt in dem alten Holzfällerhemd wollte sie heute ein wenig modischer daherkommen. Nur leider war das leichter gesagt als getan. Auch wenn Amy und Theresa sich nicht zu ihrer Kleidung geäußert hatten, würde das sicher nicht auf all ihre neuen Mitschüler zutreffen. Hinzu kam noch, dass Mina eine Waffe mitnehmen wollte. Wenigstens eine kleine, sollte sie heute wieder den Greif irgendwo sehen.

Die Schule grenzte an den Stadtpark. Dicht bewaldet bot er ausreichend Schutz für so ein großes Wesen, wie es der Greif war.

Mit Schaudern dachte sie an den gestrigen Abend zurück. Der Greif war bei ihrem Haus gewesen. Das Vieh hatte sie beobachtet. Wer konnte wissen, wie lange es schon dort gestanden hatte? Sicher ahnte es, dass Mina hier allein lebte. Sie musste das Haus unbedingt noch besser absichern und sich auf einen Angriff vorbereiten.

Noch einmal betrachtete sie sich im Spiegel. Die enge Jeans entsprach der Mode der heutigen Zeit. Zumindest sah sie der von Amy recht ähnlich. Auch die weiße Bluse machte einen ordentlichen Eindruck. Und nach einer halben Stunde Hantieren mit Kamm und Föhn spielte heute auch ihr Haar mal mit. Sie sah ganz annehmbar aus. Nicht zu gut, um von allen angesehen zu werden, aber auch nicht wie eine Pennerin. Auf diese Weise sollte sie heute schnell in der Masse untergehen. Niemand würde ihr mehr Beachtung schenken als nötig.

Es war nie gut, wenn die Leute über einen redeten. Erst recht nicht, wenn sie es hinter vorgehaltener Hand taten. Dieses Getuschel hatte sie schon einmal ins Verderben gestürzt. Sie hatte dazugelernt.

Zufrieden mit sich selbst und ihrer Kleidung ging Mina nach unten. Nach einem raschen Frühstück war sie bereit für den Tag. Fehlte nur noch eine Waffe.

Im Flur gab es unter der Treppe einen Schrank, der immer abgeschlossen war. Mina trug den einzigen Schlüssel stets bei sich, und das würde sich auch nicht ändern. Für den Inhalt dieses Schrankes konnte sie ins Gefängnis kommen. Keine sonderlich schönen Aussichten.

Mina schloss den Schrank auf. Darin befand sich ihr kleines Waffenarsenal. Neben einem Bogen und mehreren Pfeilen aus Stahl hatte sie auch einen Schlagstock und drei Handfeuerwaffen. Das war das Gute an den USA – hier konnte man alles kaufen.

Um nicht weiter aufzufallen, entschied sie sich für den kleinen Revolver. Der passte perfekt in ihre Hosentasche. Durch die Bluse war die Beule in ihrer Hose auch ziemlich gut verdeckt. Niemandem würde sie auffallen.

Sorgfältig verschloss Mina den Schrank wieder und nahm sich ihren Rucksack von der Kommode. Von dem war sie allerdings weniger angetan. Aber die Kinder von heute hatten alle solche Dinger bei sich, vor allem wenn sie zur Schule gingen. Nicht aufzufallen war manchmal schwerer, als man denken würde.

Mina trat nach draußen in den nebligen Morgen. Für einen Sommertag war es ganz schön kalt. Ungewöhnlich für die Jahreszeit.

Mit einer raschen Handbewegung aktivierte sie die Alarmanlage und schloss die Haustür. Auf dem kurzen Weg zur Garage glitt ihr Blick wieder zu den Bäumen hinter dem Zaun. Die Schatten waren kleiner als am vergangenen Abend, dennoch konnte sich in ihnen immer noch ein Greif verstecken. Aber heute bewegte sich dort nichts. Nicht mal der Wind brachte die Blätter der Bäume zum Rascheln.

Mina musste einfach weitermachen. Dieser Greif würde ihr neues Leben nicht zerstören, dafür würde sie kämpfen.

Mit dem Land Rover brauchte Mina nur ein paar Minuten bis zur Schule. Timber Forest war sehr übersichtlich angelegt. Hier konnte man sich nicht verfahren, selbst wenn man es gewollt hätte.

Der Parkplatz vor der Schule war bereits voller Autos. Mina hatte also keine andere Wahl. Sie musste vorsichtig um die Autos und die Schüler herumfahren und sich dann in eine Lücke ganz am Rand quetschen. In Zukunft würde sie früher losfahren, um sich das hier zu ersparen.

Kaum war sie ausgestiegen, umschwirrte sie das aufgeregte Geschnatter der anderen Schüler. Seit sie 1996 aus ihrer Einsamkeit zurückgekommen war, war sie auf einigen Schulen gewesen, und immer war es das Gleiche. Es wurde den ganzen Tag getratscht. Wer nicht dazugehörte, wurde gnadenlos ausgegrenzt. Und natürlich hatte jede Schule ihre ungekrönte Königin, die einen ergebenen Hofstaat um sich scharte. Hier war das sicher auch die Kapitänin der Cheerleader. Es schien ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass diese aufgetakelten Mädchen in ihren kurzen Röcken immer die beliebtesten waren. Aber Mina wusste aus eigener Erfahrung, dass diese Mädchen nach der Schule meist einen schlimmen Absturz erlebten, was ihre Beliebtheit und ihre Macht anging. Immerhin hatte sie genug Klassentreffen besucht.

»Guten Morgen, Benjamina

Mina zuckte beim Klang der lauten Stimme zusammen. Automatisch schauten sich alle Schüler im Umkreis von zehn Metern nach ihr um. Alle beobachteten sie nun mit aufmerksamen Blicken.

Möglichst cool drehte sich Mina zu der Stimme um. Amy und Theresa standen hinter ihr auf dem Weg, der vom Parkplatz zum Haupteingang führte. Beide lächelten sie an, während hinter ihnen noch mehr Schüler vorbeigingen und Mina anstarrten.

Das fing ja gut an.

»Guten Morgen«, begrüßte Mina ihre neuen Freundinnen. »Ihr könnt ruhig Mina sagen. Benjamina nannte mich nur mein Vater.«

Und sie hasste ihn heute noch dafür. Wie für so vieles andere.

Mit dem Rucksack über einer Schulter ging sie über den Rasen zu den Mädchen. Die anderen Gaffer zu ignorieren war schwieriger, als das Lächeln auf den Lippen aufrechtzuerhalten.

»Eine schöne Abkürzung«, meinte Theresa. Auch heute trug sie wieder ein Kleid aus schwarzer Spitze. Die Stiefel waren noch die gleichen wie gestern, aber statt eines Schirms hatte sie heute schwarze Handschuhe aus feinster Spitze dabei. Der Gothiclook stand ihr verdammt gut. Nicht mal das Halsband aus Seide und Spitze fiel aus dem Rahmen. Sie gab sich wirklich Mühe mit ihren Outfits.

Anders als Mina, die meist nur schnell etwas Sauberes aus ihrem Schrank fischte, von heute einmal abgesehen.

Amy dagegen steckte wieder in ihrer engen Jeans. Ihr Oberteil war schulterfrei und betonte ihre Figur.

»Wir waren so frei und haben dir von Mrs Ambrose schon mal alle Unterlagen geholt«, trällerte Amy gleich los.

»Die Sekretärin der Schule hasst es, wenn jemand zu spät kommt«, erklärte Theresa mit einem leichten Schmunzeln. »Dann lässt sie einen so lange warten, bis man auch noch zu spät zum Unterricht kommt.«

Der Name Ambrose sagte Mina etwas. Konnte es sein, dass es sich dabei um Emily Ambrose handelte? Mit dem Mädchen war sie in den Vierzigern zur Schule gegangen.

Plötzlich war Mina den beiden für ihren Gefallen sehr dankbar. »Das ist sehr nett von euch. Danke.«

Amy reichte ihr einen ganzen Stapel Papiere. »Das ist dein Stundenplan. Das ist der Lageplan der Schule, ein Formular, das du jedem Lehrer noch zum Unterschreiben geben sollst, und die Hausordnung. Und eine Bücherliste ist auch noch dabei.«

Der Papierkram wurde ja mit jeder Schule, die Mina besuchte, immer größer! Hatten die denn noch nie etwas von der papierlosen Gesellschaft gehört? Heutzutage wurde doch alles online erledigt.

Mina klemmte sich den ganzen Packen unter den Arm.

»Und das hier ist die Kombination für deinen Spind«, schloss Theresa den bürokratischen Teil ab.

Mina nahm den gefalteten Zettel an sich.

»Die anderen warten schon«, platzte es aus Amy heraus, deren Lächeln noch ein Stück breiter geworden war. »Sie wollen dich unbedingt kennenlernen.«

»Welche anderen denn?«

Aber Mina bekam keine Antwort. Stattdessen hakte sich Amy bei ihr unter und zog sie mit sich den Weg entlang. Theresa schloss ziemlich schnell zu den beiden auf. Erstaunlich, dass sie mit ihren hohen Absätzen so gut zurechtkam.

Auf dem kurzen Weg zum Haupteingang fühlte Mina sich von allen beobachtet. Auch ein paar Lehrer waren hier und starrten sie an. Sie kam sich wie ein Affe im Zoo vor. Hoffentlich legte sich das bald.

Der Schulflur sah aus wie alle, die Mina in den letzten Jahrzehten besucht hatte. Der mit Linoleum ausgelegte Boden wurde von einer endlosen Reihe von Spinden gesäumt. Unterbrochen wurde sie nur durch eine gesicherte Vitrine, in der die Pokale der Footballmannschaft standen. Zumindest war das früher immer so gewesen.

Die Schüler standen in kleinen Gruppen zusammen. Immer wieder schauten ein paar von ihnen zu Mina, dann tuschelten sie miteinander.

Das war nicht gut!

Ein leichter Anflug von Panik machte sich in Mina breit. Dieses Getuschel hatte sie damals auch ständig beunruhigt.

»Da wären wir«, schloss Amy ihr unablässiges Gerede ab.

Mina blieb stehen. Sie standen vor einem Spind, neben dem drei andere Schüler gelangweilt herumlungerten. Zwei von ihnen sahen einander recht ähnlich. Nicht nur wegen der gleichen schlabbrigen Kleidung.

»Mina, das sind Memphis und Sahara Tenner und das ist Conrad Whealer«, stellte Theresa die drei vor.

Tenner! Auch der Name kam Mina bekannt vor. In den Vierzigerjahren war ein Junge namens David Tenner ihr bester Freund gewesen. Ihn aus den Augen zu verlieren, hatte ihr sehr wehgetan. Konnte es sein, dass die beiden seine Enkel waren?

Memphis schaute nur kurz auf. Sein langes Haar hing ihm tief ins Gesicht. Dennoch konnte sie seine Augen sehen. Davids Augen, eindeutig. Sie musterten sie kurz, dann verzogen sich seine Lippen zu einem schmalen Lächeln.

»Willkommen in der Hölle«, murmelte er.

Seine Schwester stieß ihm den Ellenbogen in die Seite. Sie hatte ihr langes schwarzes Haar im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden. Ihr herzförmiges Gesicht zeigte deutlich mehr Leben als das ihres Bruders. Auch sie hatte die Augen ihres Großvaters.

»Hör nicht auf ihn. Er ist ein Morgenmuffel«, erklärte Sahara. »Normalerweise taucht er erst eine Stunde vor der Mittagspause auf.«

»Und das geht in Ordnung?«, fragte Mina verwundert.

»Nein. Aber Direktor Blake beißt bei den Tenners auf Granit«, erklärt Conrad und reichte ihr die Hand. »Wenn ich nicht ab und zu seine Fehlstunden ein wenig runterschrauben würde, dann wäre Memphis sicher schon im letzten Jahr geflogen.«

»Und wenn Direktor Blake dich dabei erwischt, wie du dich in den Schulserver hackst, fliegst du«, belehrte Theresa ihn.

Conrad verdrehte allerdings nur die Augen. »Es ist kein Hacken, wenn der Direktor als Passwort 1 2 3 4 5 gewählt hat.«

Das rang Mina doch ein Lächeln ab. Sie kannte sich mit der modernen Technik zwar nicht so gut aus, aber auch sie wusste, dass so ein Passwort Schwachsinn war.

Mina öffnete ihren Spind und verstaute ihren Rucksack darin. Innerlich musste sie sich noch für den kommenden Tag wappnen.

»So. Du bist also die Neue!«

Der giftige Tonfall warnte Mina vor. Sie wusste auch ohne hinzusehen bereits, wer hinter ihr stand.

Das hochgewachsene, dürre Mädchen wurde von vier anderen flankiert. Wie um ein Klischee zu erfüllen, trugen diese Mädchen ihre Cheerleader-Uniformen.

Die Brünette ganz vorn stemmte die Hände in die Seite und sah auf Mina herab wie auf ein besonders ekliges Insekt.

»Du siehst ja nicht nach viel aus«, fuhr sie fort.

»Dito«, erwiderte Mina nur mit einem kühlen Lächeln. Sie hatte gegen Greifen gekämpft und ein Labor voller verrückter Wissenschaftler abgefackelt. So eine Diva stellte keine Herausforderung mehr für sie dar.

Das Gesicht der Brünetten verzog sich vor Wut.

»Hör mal gut zu, Benjamina!« Sie betonte ihren Namen, als spuckte sie einen Käfer aus. »Nur weil du zu den Gründerfamilien gehörst, heißt das noch lange nicht, dass du hier die neue Königin wirst. Das bin ich, klar?«

»Du hast eindeutig ein Problem, wenn du glaubst, jeder wäre so oberflächlich wie du«, konterte Mina trocken.

Die anderen Mädchen hinter der selbst ernannten Königin holten erschrocken Luft. Offenbar sprach hier niemand so mit der Kapitänin der Cheerleader.

Doch bevor das Mädchen noch mehr Gift versprühen konnte, trat Theresa zu ihr. Sie schlang dem Mädchen die Arme um den Hals und hauchte mit verführerischer Stimme: »Rachel, da bist du ja endlich, mein Schatz! Ich habe dich schon so vermisst. Der Duft deines Blutes ist so köstlich, dass ich einem weiteren Schluck nicht widerstehen kann.«

Theresa neigte den Kopf, wie um Rachel in den Hals zu beißen. Die schrie auf und schubste Theresa von sich. Viel Kraft schien sie allerdings nicht zu haben, denn Theresa machte nur einen Schritt zurück und hob die Hände.

Rachel und ihr Hofstaat stolzierten davon, nicht ohne Theresa noch einen angewiderten Blick zuzuwerfen.

»Ich warte auf dich, mein Schatz!«, rief Theresa ihr nach. »Der Duft deines Blutes wird mich zu dir führen!«

Rachel reagierte nicht darauf, sondern marschierte schnellstens weiter.

»Was war das denn?«, fragte Mina mit einem erstaunten Grinsen im Gesicht.

»Das war Rachel Donovan«, erklärte Amy ihr.

»Wie du unschwer erkennen konntest, ist sie die Kapitänin der Cheerleader«, fuhr Sahara fort. »Mit dieser Vampirnummer kann Theresa sie zuverlässig verscheuchen. Seit Rachel mal vor Jahren gesagt hat, sie wäre ein Vampirfan, zieht Theresa diese Nummer ab und sie nimmt Reißaus.«

Ein Vampirfan war sie jetzt also sicher nicht mehr.

»Guten Morgen, Theresa. Haben wir die heutige Show verpasst?«

Die fremde Stimme jagte Mina einen angenehmen Schauer über den Rücken. Hinter Theresa stand ein Junge, der sie um einen Kopf überragte. Sein helles blondes Haar leuchtete im Licht der Deckenlampen. Der Blick seiner blauen Augen wanderte von Theresa zu Mina. Ein verführerisches Lächeln zog sich über seine Lippen. Das Mädchen neben ihm war so groß wie Mina, hatte lockiges braunes Haar und tiefbraune Augen. Hinter den beiden tauchten zwei weitere Schüler auf. Zwei Jungs, die es an Größe mit dem blonden Jungen aufnehmen konnten.

»Du solltest aufpassen, dass Rachel dich nicht in die Klapse steckt, wenn du so weitermachst«, meinte das Mädchen.

»Danke für den Rat, Chelsea, ich werde ihn berücksichtigen.« Irgendwie war die Stimmung plötzlich etwas kühler geworden. Theresa mochte diese vier Schüler offenbar nicht.

Das hielt den Blonden allerdings nicht davon ab, zu Mina zu treten. Dabei fiel ihr der kleine Anstecker aus Gold an seinem Hemdkragen auf.

»Ich bin Shae Billings, und das ist meine kleine Schwester Chelsea«, stellte er sich vor. »Du musst die Neue sein. Benjamina VenClief?«

Mina wollte ihm gerade antworten, als sich Theresa vor sie stellte und Shae die Sicht abschnitt.

»Shae, ich weiß deine Höflichkeit sehr zu schätzen, aber wir hatten das alles schon besprochen«, stellte Theresa klar. »Wir wollen nicht in euren Konflikt hineingezogen werden. Es ist das Beste für uns alle.«

»Wie du meinst.« Shae gab seinen Freunden mit einem Kopfnicken ein Zeichen. Sie setzten sich in Bewegung.

»Wir sehen uns«, flüsterte er Mina im Vorbeigehen zu.

»Was war das denn jetzt?«, fragte Mina, kaum dass die Gruppe außer Hörweite war.

»Shae ist ein netter Junge, und seine Freunde sind es auch, aber es ist besser, wenn wir nicht mit ihnen befreundet sind. Glaub mir«, versicherte Theresa ihr.

»Und warum?«

»Wirst du gleich sehen.«

Mina folgte Conrads Blick zum Eingang der Schule. Dort traten zwei Schüler durch die Tür, die überall aufgefallen wären. Der Junge musste so groß sein wie Theresa. Dennoch bewegte er sich grazil wie ein Raubtier. Sein kurzes schwarzes Haar stand ihm ein wenig wild vom Kopf ab. In der schwarzen Lederjacke sah er aus, als wäre er gerade von einem Motorrad gestiegen. Aber am auffälligsten war die Sonnenbrille, die er auch drinnen nicht abnahm. Neben ihm lief ein Mädchen her. Sie war deutlich zierlicher. Ihr schmales Gesicht wurde von goldbraunen Locken umrahmt. In ihrem langen Kleid wirkte sie wie eine Fee. Sie klammerte sich an ihre Bücher, als könnten sie ihr Halt bieten.

Die beiden gingen direkt an Mina vorbei, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Denen war sie offenbar egal.

Nur das Mädchen schaute ganz kurz zu ihr, dann strich sie sich beiläufig eine Strähne hinter das Ohr.

Waren das etwa Ohrringe mit Diamanten? Was war hier nur los?

Aber das Schauspiel wurde noch besser.

Die anderen Schüler wichen auf dem Flur vor den beiden aus, als hätten sie Angst vor ihnen. Eine Gasse bildete sich.

Nur Shae und seine Freunde wichen nicht aus. Sie blieben sogar extra mitten auf dem Flur stehen, um die beiden aufzuhalten.

Der Junge trat vor das Mädchen, wie um sie zu beschützen.

»Geh mir aus dem Weg, Shae!«, drohte er.

»Ethan, du hast einfach keine Manieren, weißt du das?«, fragte Shae provozierend. »Man sagt erst mal guten Morgen.«

»Willst du unsere Diskussion vom Wochenende etwa gleich hier fortsetzen?«, fragte Ethan zurück.

»Führt man bei euch Diskussionen immer mit den Fäusten?«, fragte Chelsea und trat neben ihren Bruder.

»Bricht man bei euch immer in die Häuser anderer ein, nur um ein Statement zu setzen?«, konterte das Mädchen hinter Ethan.

»Das sind Ethan und seine Adoptivschwester Maryweather Harker«, erklärte Conrad Mina flüsternd. »Die beiden Familien stehen schon seit Jahren auf Kriegsfuß miteinander.«

Das war deutlich zu sehen.

Hinter der streitlustigen Gruppe tauchte ein korpulenter älterer Mann auf, dessen Sakko seinem Bauchumfang nicht mehr lange würde standhalten können. Sein strenger Blick sprach Bände. Aufgebracht marschierte er zu den Streitenden und baute sich vor ihnen auf.

»Muss ich euch alle erst an die Hausordnung erinnern?«, donnerte er los.

»Nein, Direktor.«

»Wir wollten gerade gehen«, erklärte Shae und machte mit seinen Freunden kehrt.

Augenblicklich entspannte sich die Situation im Flur.

»Deswegen sollten wir uns von Shae und seinen Freunden lieber fernhalten«, erklärte Theresa. »Wir würden nur zwischen die Fronten geraten.«

Da hatte sie recht. Mina wollte um keinen Preis der Welt in diesen Konflikt hineingezogen werden. Sie hatte auch so schon genug um die Ohren. Immerhin gab es hier einen Greifen, der ihr Haus ausspioniert hatte. Nicht zu vergessen die Königin der Schule, die wahrscheinlich noch nicht mit Mina fertig war.

»Komm. Die erste Stunde fängt gleich an«, erinnerte Theresa sie.

Mina nahm ihre ganzen Zettel und die Bücher und schloss ihren Spind. Die Konfrontation von eben ging ihr allerdings nicht aus dem Kopf. Vor allem Ethan nicht, der entweder der Aggressor war oder nur seine Schwester beschützen wollte.

Hoffentlich sah sie ihn so schnell nicht wieder.

In der ersten Stunde hatte Mina zusammen mit Theresa Mathe. Eigentlich sollte man meinen, dass jemand, der schon so oft die Schule besucht hatte, irgendwann supergut in allen Fächern war. Aber das Gegenteil war der Fall. Auch nach hundert Jahren entzogen sich einige Gleichungen immer noch Minas Verständnis.

Sie war eben einfach nicht gut in Mathe. Die Zeit verging viel zu langsam.

Nach der Stunde musste sich Theresa verabschieden. Sie hatte jetzt einen anderen Kurs. Ein kurzer Blick auf den Stundenplan, und Mina wäre am liebsten wieder nach Hause gefahren. Als Nächstes hatte sie Englische Literatur. Warum nur hatte sie sich für diesen Kurs eingeschrieben? Klar, er war leicht, aber auch unglaublich langweilig.

Mit sehr wenig Interesse schleppte sich Mina durch die Flure, bis sie den Kursraum fand. Natürlich hatten alle anderen Schüler schon Platz genommen. Mina ging zu der Lehrerin.

»Mrs Grimsby? Ich bin Mina. Die neue Schülerin«, stellte sich Mina vor.

Die kleine rundliche Frau mit der viel zu großen Brille auf der schmalen Nase schaute zu ihr auf.

»Ah ja, richtig. Miss VenClief.« Mit einem Lächeln nahm sie das Formular entgegen und unterschrieb.

»So, dann setzt du dich am besten ...«

Minas Blick glitt durch das Zimmer. Alle Plätze waren schon belegt. Bis auf einen.

Mina konnte ihr Pech kaum fassen.

»Ah, neben Ethan ist noch ein Platz frei.«

Ethan Harker saß in der hintersten Bank bei den Fenstern und warf ihr einen kurzen Blick zu. Die Sonnenbrille trug er noch immer, weshalb sie seinen Gesichtsausdruck nicht deuten konnte.

Der Tag wurde wirklich immer schlechter.

 

 

 

3

 

 

Mina war unwohl zumute, während sie sich durch die Reihen der anderen Schüler schlängelte. Ethan lehnte sich auf seinem Platz zurück und blieb ansonsten ohne Regung. Wie gern hätte Mina jetzt seine Augen gesehen.

»Ach, und Ethan. Nimm endlich die Sonnenbrille ab, ich sage es nicht noch einmal«, erklang die Stimme von Mrs Grimsby streng durch den stillen Raum.

Murrend zog er sich die Sonnenbrille von den Augen. Mina blieb für einen Moment der Atem weg. So leuchtend grüne Augen hatte sie noch nie gesehen.

Ein leichter Schreck glitt ihr durch die Glieder, als sie merkte, dass sie stehen geblieben war. Rasch setzte sie sich auf den freien Platz neben und legte ihr Buch auf den Tisch. Einen weiteren Blick zu dem Jungen neben sich konnte sich Mina allerdings nicht verkneifen.

Er saß scheinbar gelassen da, doch sie konnte deutlich seine Anspannung erkennen. Unter dem Tisch verkrampfte er die Hände zu Fäusten. Was war nur mit ihm los?

Mrs Grimsby begann unterdessen mit dem Unterricht. Mina folgte ihr nur mit einem Ohr. Der Rest ihrer Aufmerksamkeit lag bei Ethan. Er hatte etwas an sich, dem sie nicht widerstehen konnte. Immer wieder schaute sie zu ihm rüber. Sein T-Shirt hing nur auf den ersten Blick locker an ihm. Mina konnte deutlich die ausgeprägten Muskeln an seinen Oberarmen sehen. Dieser Junge war stärker, als es den Anschein hatte.

Plötzlich wandte er den Kopf in ihre Richtung. Sein eindringlicher Blick durchbohrte sie förmlich. Mina spürte, wie sie rot anlief. Rasch schaute sie auf ihr Buch.

Verdammt!

Sie hatte ihn die ganze Zeit angestarrt! Es gab wohl kaum etwas, das noch mehr Aufmerksamkeit auf sie hätte lenken können!

»Du starrst mich an.«

Ethan klang traurig und frustriert. Sie hatte sich unhöflich benommen. Früher wäre ihr das nicht passiert.

»Entschuldige. Das war keine Absicht«, murmelte sie schnell, ohne Ethan noch einmal anzusehen.

»Natürlich.«

Ethan sagte das so leise, dass sie es wohl nicht hören sollte, also ignorierte sie die Bemerkung.

»Du heißt Mina, richtig?«

»Mhm.«

»Ist das die Abkürzung für etwas?«

»Benjamina.«

Jetzt kommt’s. Gleich sagt er so etwas wie, seine Großmutter hieß auch so.

»Ein schöner Name.«

Wow.

»Findest du?«

Aus dem Augenwinkel sah sie zu ihm rüber. Sein Blick war gesenkt.

»Ja, er gefällt mir.«

Mina musste unweigerlich lächeln. Das hatte seit fünfzig Jahren niemand mehr zu ihr gesagt. Sie merkte, wie sie wieder rot wurde.

Verdammt!

Neben sich hörte sie ein Lachen. Sie traute sich aber nicht, noch einmal zu Ethan zu sehen.

»So, du bist also die neue Gründertochter«, murmelte er weiter.

Mina schaute starr auf ihr Buch. Über diesen Teil ihrer Vergangenheit wollte sie nicht reden. Nicht nur, weil ihre Großeltern sie niemals anerkannt hatten.

»Hat sich rumgesprochen, was?«

»Nimm dich lieber vor Rachel in Acht«, flüsterte er.

»Wieso?« Jetzt schaute Mina doch zu ihm rüber. Wollte er sie etwa vor der Schulkönigin beschützen?

»Sie versucht jedes Jahr, auf einen Wagen der Gründertagsparade zu kommen. Wobei ihr alles recht ist. Du bist neu. Also ihr nächstes Opfer.«

Na, das klang ja super. Mina wollte gar nicht bei der Parade mitfahren. Jetzt musste sie sich trotzdem noch vor einem geltungssüchtigen Mädchen mit Komplexen, was ihr Aussehen anging, in Acht nehmen.

»Ich komm schon klar.«

Mrs Grimsby war ihre Unterhaltung nicht entgangen. Prompt forderte sie Ethan auf, etwas aus dem Buch vorzulesen. Mina zog den Kopf ein wenig ein, damit sie nicht auch noch vorlesen musste. Das durfte nicht passieren. Nicht gleich am ersten Tag.

Die Klingel erschreckte Mina. Ethan jedoch schien nur darauf gewartet zu haben, denn er glitt von seinem Platz und verschwand durch die Tür wie ein geölter Blitz. Mina war nicht die Einzige, die ihm verwundert nachsah.

Er war wohl doch nicht so nett, wie sie gedacht hatte.