1

 

Entschlossen visierte ich die Kellerwand an. Nackter Stein starrte mich an. In dem wenigen Licht hier unten warfen die Unebenheiten in der Mauer lange Schatten über den Putz. Kalte Luft schlug mir entgegen, und unter meinen Schuhen knirschte der Dreck eines grob behauenen Steinbodens, der viel zu viele Dellen hatte.

Meine ganze Konzentration lag auf meinem Ziel.

Seit ich vor einigen Monaten aus Schottland zurückgekommen war, gab es in meinem Leben nicht viel außer meiner Arbeit und dem Training. Vor wenigen Monaten hatte ich erfahren, dass ich die Wiedergeburt einer Priesterin war, die vor über hundert Jahren in Schottland im Kampf gegen einen Dämon gestorben war.

Meine Hände flogen nun förmlich durch die Luft und formten die Symbole für einen Lähmungsbann. Funkelnde Zeichen sausten umher und prallten auf die Wand, wo sie für ein paar Sekunden aufleuchteten, bevor sie erloschen. Als Nächstes ließ ich den Schweigebann folgen, dann versuchte ich es mit dem komplizierten Blitz-Schlag-Bann. Immer wieder knallten leuchtende Linien ins Mauerwerk und verglühten.

Ich war völlig außer Atem, doch die Banne gingen mir nun immer leichter von der Hand.

Hinter mir wurde die Kellertür aufgerissen und ich drehte mich um. Eine wütende Sam starrte mich an. Die Hände in die Hüften gestemmt, musterte sie mich mit finsterem Blick. Der lange braune Rock betonte ihre Taille und ihre große Statur, die weiße Bluse erinnerte an solche, wie sie die Frauen in den Dreißigerjahren trugen. Doch ihr Ledergürtel und die kleinen, an Bluse und Rock festgenieteten Zahnräder sowie der kleine Hut auf ihrem Kopf gaben Aufschluss darüber, dass die Aufmachung eines ihrer neuen Kostüme war und keine normale Straßenkleidung.

In meiner schlabbrigen Yogahose und dem Shirt kam ich mir richtig fehl am Platz vor.

»Maddy!«, sagte sie in einem Tonfall, der mich an unsere alte Mathelehrerin erinnerte. »Ich habe jetzt endgültig genug!«

»Tut mir leid, dass ich deine Werkstatt blockiere«, brachte ich heraus und sah mich in unserem Keller um. Ich hatte Sams Werkbank und den alten Schreibtisch zur Seite geschoben, um mehr Platz zu haben.

Sam kam auf mich zu und sah mir mit ernstem Gesicht tief in die Augen.

Ich ahnte schon, was sie gleich sagen würde, noch bevor sie den Mund aufmachte.

»Du weißt genau, dass ich nicht die Blockade meiner Werkstatt meine. Ich rede von dir und von dem, was du seit zwei Monaten hier unten machst. Das kann ich mir nicht länger mitansehen.«

Ich wusste, was Sam meinte. Meine Vergangenheit hatte mich im Frühjahr eingeholt und beinahe ein zweites Mal mein Leben gefordert, doch dass ich das Blatt hatte wenden können, verdankte ich einzig und allein einem Mann.

Darvin.

In meinem früheren Leben war er ein schottischer Krieger gewesen, der mit mir zusammen gekämpft hatte. Doch als ich ihm in Edinburgh begegnete, war er zu etwas anderem geworden. Einem Vampir. Er war mein Feind, doch schließlich hatte er mir geholfen, vor den Dämonen zu fliehen. Ich wusste nicht, ob er noch am Leben war oder ob ihn die Explosion in der Höhle umgebracht hatte. Aber mein Gefühl sagte mir, ich würde ihn wiedersehen.

Seit Sam und ich zurückgekommen waren, trainierte ich meine Fähigkeiten im Keller. Stundenlang zeichnete ich die komplizierten Muster, die Banne und Flüche auslösen konnten, in die Luft, bis mich der Hunger nach oben in unsere Wohnung trieb.

Sam schob ihre Hand in die kleine Brusttasche ihrer Bluse und reichte mir Eintrittskarten zu einer Veranstaltung vor den Toren Berlins. »Wir beide werden heute Nachmittag da hingehen und wehe, du widersprichst mir.«

Ich sah auf das Papier. Die verschlungenen Buchstaben, die sich um Zahnräder, Nieten und Messingröhrchen wanden, bildeten den Namen eines Festivals, das dem Steampunk, Sams Leidenschaft, huldigte. Die Eröffnung war für den ersten Samstag im Juni angekündigt, also heute. Es wurden Bands und Ausstellungen aufgelistet. Ein Filmfestival und eine Preisverleihung für das fantasievollste Kostüm sollte es auch noch geben. Das Ganze machte auf mich mehr den Eindruck, als handelte es sich um einen Jahrmarkt.

»Da falle ich doch auf wie ein bunter Hund«, erwiderte ich und wandte mich dem Schreibtisch zu.

»Das wirst du nicht. Ich verpasse dir ein Outfit, mit dem du sogar den Kostümwettbewerb gewinnen kannst.« Sam drückte mir die Karte in die Hand und sah mir erneut direkt in die Augen. »Du gehst mit mir da hin!«

Ich sah Sam an, sie erweckte nicht den Eindruck, als ob sie Widerspruch dulden würde.

»Maddy, ich mache mir Sorgen um dich«, begann sie schließlich. »Seit Monaten schließt du dich entweder im Keller ein oder du bleibst in deinem Zimmer und studierst alte Zauberbücher.«

»Das sind keine Zauberbücher«, warf ich ein und dachte an die Folianten, die Jane mir aus Schottland geschickt hatte. Es waren Aufzeichnungen von anderen Priesterinnen, die im Laufe der letzten hundert Jahre auf der Burg der MacConns gelebt hatten. Sie hatten ihre Banne und Flüche aufgeschrieben, die ihnen im Kampf gegen Dämonen und deren Untergebene hilfreich gewesen waren. Jane war der Meinung, dass ich diese Bücher lesen sollte, um noch mehr Banne zu erlernen.

»Es ist mir egal, was für Bücher das sind. Du steckst zu viel Zeit da rein und in dein Training.« Sie griff nach meinen Händen. »Ich verstehe, dass du immer noch an Darvin denkst, aber das geht so nicht weiter. Er hätte nicht gewollt, dass du aufhörst zu leben.«

Ich ließ die Schultern hängen. »Sam, ich will keinen anderen Mann. Im Übrigen ist mein Leben im Moment zu gefährlich für eine Beziehung, und das meine ich genau so, wie ich es sage.«

»Das bestreite ich doch gar nicht. Ich war dabei, als wir von Dämonen angegriffen wurden. Aber ich kann nicht weiter dabei zusehen, wie du dein Leben vergeudest.« Sam strich mir über die Hand. Es war noch immer ungewohnt für mich, dass sie meine bloße Haut berührte. Noch vor wenigen Wochen wäre das nicht möglich gewesen. »Außerdem sollst du nicht nach dem Mann fürs Leben suchen, den brauchen Frauen wie wir nicht. Wir sind klug und stark. Die Männer sollten sich lieber vor uns in Acht nehmen.«

Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.

»Aber flirten wirst du  wohl noch können?«

»Sam …«

»Schon gut, dann eben nicht. Aber du wirst dich heute Nachmittag wieder unter Menschen mischen. Keine Widerrede!« Sam wandte sich zur Kellertür. »Ich such dir ein Outfit heraus. Du wirst ganz bezaubernd aussehen! Das garantiere ich dir!«

Ich sah meiner besten Freundin hinterher. Sie würde nicht zulassen, dass ich mich vor dem Festival drückte. Irgendwie hatte sie recht, ich beschäftigte mich schon seit Monaten nur mit meinem Training.

Ich griff nach den weißen Seidenhandschuhen, die Jane mir aus Schottland geschickt hatte. Obwohl ich in den letzten Wochen große Fortschritte gemacht hatte, brauchte ich die Handschuhe noch, um mich vor meiner Gabe zu schützen. Wann immer ich einen Gegenstand mit bloßer Hand berührte, sah ich dessen gesamte Entstehungsgeschichte vor meinem geistigen Auge ablaufen. Eine Gabe, die mir in der Vergangenheit mehr Ärger als Nutzen eingebracht hatte. Mit Konzentration und festem Willen hatte ich in meinem früheren Leben ohne die Handschuhe leben können, aber so weit war ich jetzt noch nicht.

Ich schaltete das Licht im Keller aus und zog die Tür hinter mir zu.

 

Das Festival westlich von Berlin entpuppte sich tatsächlich als Jahrmarkt. Sam parkte auf einer Wiese zwischen Dutzenden anderer Autos. Am Rand des provisorischen Parkplatzes erhoben sich die Zelte und Buden. Weiter hinten konnte ich eine Bühne erkennen.

Ich betrachtete mich noch einmal im Seitenfenster des Autos. Das schwarze Kleid, das Sam mir gegeben hatte, war mit weißer Spitze abgesetzt und bauschte sich um meine Oberschenkel. Das Korsett drückte mir schon die ganze Zeit über in die Rippen. Doch dank des Kostüms fielen meine schwarzen Spitzenhandschuhe nicht auf. Der kleine schwarze Hut auf meinem Kopf, der ebenso wie meine aufwendige Hochsteckfrisur von Haarnadeln gehalten wurde, schien das i-Tüpfelchen auf einer übertrieben ausgestatteten Puppe zu sein. Auf ungewohnt hochhackigen Schuhen stakste ich durch die aufgeweichte Wiese um das Auto herum zu Sam.

Sie hatte ihre Klamotten anbehalten und nur einen hellbraunen Schal um ihre Hüften hinzugefügt, der am Ledergürtel befestigt war. Das kleine Werkzeugset an ihrem Gürtel fiel so kaum noch auf. In ihren roten Haaren, die zu zwei Zöpfen geflochten waren, steckte eine Fliegerbrille.

»Du siehst zauberhaft aus, Maddy«, versicherte sie mir noch einmal und nahm meinen Arm.

Nur widerwillig ließ ich mich zwischen den Autos hindurchführen. Auf unserem Weg zum Festival kamen wir an jeder Menge kostümierter Leute vorbei. Ich sah einen jungen Mann im Anzug samt Monokel, Zylinder und Gehstock. Seine Dreadlocks wippten, als er mit seiner Begleiterin sprach, die als Mechanikerin mit einem viktorianischen Minirock verkleidet war. Auch völlig vermummte Menschen, die aussahen wie Soldaten des Ersten Weltkrieges mit Gasmaske, gingen an uns vorbei. Die Typen, die eine solche Veranstaltung besuchten, liebten offenbar das Verkleiden, um so dem Alltag zu entkommen, doch das würde ich nicht laut sagen.

»Jetzt zieh nicht so ein Gesicht, Maddy«, raunte Sam mir zu. »Das ist ein Steampunk-Festival und kein Goth-Treffen.«

Ich versuchte es mit einem schwachen Lächeln.

Als Eingang diente eine Bude, die aussah wie die Rettungskapsel eines alten U-Bootes. Sie schien vollkommen aus Bronze und Messing zu bestehen. Eine junge Frau in einer alten Militäruniform kassierte uns ab und ich bestaunte unsere Eintrittskarten − ganz im Stil des neunzehnten Jahrhunderts, ohne Bilder und dafür mit verschlungener Schrift.

Hinter dem Eingang erhoben sich die Buden. Sie waren in der Form eines großen Donuts angelegt. Obwohl zwischen dem inneren und dem äußeren Ring viel Platz war, drängten sich die erstaunlich zahlreichen Besucher zwischen den Ständen.

»Wow. Ich hätte nicht gedacht, dass es so viele Anhänger der Szene gibt«, murmelte ich und ließ mich von Sam weiterziehen.

Wir kamen an Buden vorbei, die Tablet-PCs und iPhones auf Steampunk umbauten, und an welchen die Tätowierungen und Piercings anboten. Ein professionell ausstaffierter Fotograf fertigte an seinem Stand Porträts im Stil des letzten Jahrhunderts am. Am häufigsten waren Stände, die Accessoires verkauften. Von Hüten, Broschen, Armreifen, Ketten, Fliegerbrillen bis hin zu Gehstöcken und Schuhen fand man wirklich alles. Eine Bude hatte sich auf Masken spezialisiert und eine bot nur Kleider, Korsagen und Mieder an. Ich kam mir vor wie auf einer Verkaufsshow.

Sam hielt während unseres Rundgangs immer wieder an, um Freunde zu begrüßen. Irgendwann bekam ich das Gefühl, dass sie jeden auf diesem Festival kannte. Ihr gesamter Freundeskreis schien hier zu sein. Ich konnte sogar Sebastian Kraus entdecken, der mich vor wenigen Monaten hypnotisiert hatte. Der Psychiater trug eine mechanische Augenklappe mit einem beweglichen Monokel über dem Auge. Wenn er grinste, verzog sich auch seine Augenklappe ein wenig.

Die Bühne stand an der nördlichen Seite des Geländes und nahm den meisten Platz ein. Noch stimmte dort oben eine Band ihre Instrumente, doch davor sammelten sich schon viele Besucher. Die Wiese unter meinen Füßen in den hochhackigen Schuhen fühlte sich an vielen Stellen weich und ausgetreten an. Ich musste mich die ganze Zeit an Sam festhalten, um nicht stecken zu bleiben.

»Ich hätte doch die Halbschuhe anziehen sollen«, sagte ich, als wir neben einer Bude stehen blieben, die Bastelbedarf verkaufte, und ich versuchte, einen Klumpen Erde von meinem Absatz zu kratzen.

»Aber die hätten niemals zu deinem Outfit gepasst«, erklärte Sam und sah mir mit kritischem Blick zu. »Du musst nur lernen, wie man sich in High Heels bewegt.«

»Ich möchte wetten, dass die Frauen des vorletzten Jahrhunderts auf solchem Untergrund die gleichen Probleme hatten wie ich.«

Sam verdrehte die Augen und schaute sich weiter bei den kleinen Ständen um. Vor allem an den Buden, die Accessoires und Kleidung verkauften, blieb sie lange stehen. Wir waren schon seit über einer Stunde auf dem Festival, und ich hatte die meiste Zeit damit zugebracht, sie davon abzuhalten, ihr ganzes Geld für Kleider und irgendwelche Hüte auszugeben.

Schließlich gab ich das Unterfangen, meinen Schuh zu reinigen,  auf und richtete mein Kleid.

Sam strahlte mich begeistert an. »Wir sollten uns zum großen Zelt aufmachen, dort beginnt gleich eine Zaubervorstellung. Die benutzen alte Ausrüstungen von historischen Zaubershows!«

Wieder ergriff ich Sams Arm und ließ mich von ihr an den Leuten vorbeiführen. »Was bin ich froh, dass wir nicht im neunzehnten Jahrhundert leben, sondern nur einen Ausflug dahin machen«, murmelte ich schließlich.

»Ich nicht. Ich würde alles geben, um in dieser Zeit zu leben. Allein die Mode damals war der Hammer. Viel besser als das einfallslose Zeug, das Designer heute auf den Markt bringen.«

»Damals gab es keine richtige medizinische Versorgung und keine modernen Toiletten, geschweige denn Klopapier. Es gab keine Waschmaschinen und keine Computer, noch nicht mal Fernsehen, und die Frauen hatten keinerlei Rechte. Ich vermisse diese Zeit überhaupt nicht.« Ich erschrak über meine eigenen Worte. Heute hatte ich ja richtig gute Laune.

Sam strafte mich mit einem finsteren Blick. »Das sagst du nur, weil du mal in dieser Zeit gelebt hast und es nicht gut ausgegangen ist.«

»Eben deshalb solltest du auf mich hören! Bleib lieber bei deinen Festivals und deinem Laden, damit ist dir mehr geholfen.« Zum Glück hatten wir das große Zelt fast erreicht.

»Du kannst aber nicht bestreiten, dass die Menschen damals ganz anders miteinander umgegangen sind. Es gab auch nicht so viele Katastrophen und globale Probleme wie heute.«

Ich schenkte Sam ein Lächeln. In gewisser Weise hatte sie ja recht, aber ich wollte das Thema nicht weiter vertiefen. Wie betraten das Zelt und ergatterten nur noch zwei freie Plätze in der hintersten Reihe, obwohl die Show erst in einer Viertelstunde anfangen würde. Unter den Gästen kam ich mir vor wie bei einer Aufführung aus dem neunzehnten Jahrhundert. Dreiteilige Nadelstreifenanzüge und aufwendige Kleider, wohin ich auch schaute. Zum Glück hatten die Leute ihre Hüte abgenommen, sodass man wenigstens bis zur Bühne schauen konnte.

»Das wird dir gefallen«, raunte Sam mir zu.

»Na, hoffentlich sind die gut geölt. Ich melde mich jedenfalls nicht freiwillig.«

Sam lächelte mich stumm an. Kurz darauf wurde das Licht gedimmt und ein Scheinwerfer richtete sich auf die Bühne. Der Vorhang wurde zur Seite gezogen und enthüllte einen großen Wassertank, der aus Stahl, Messing und viel Glas bestand.

Die beiden Zauberer trugen Anzüge aus violetter Seide. Selbst ihre Schnurrbärte waren frisiert wie damals. So langsam hatte ich von der Vergangenheit die Nase voll. Mit jeder weiteren Minute wurde ich daran erinnert, dass ich schon einmal in dieser Zeit gelebt und alles verloren hatte.

Ich hielt es eine halbe Stunde aus, bevor ich in geduckter Haltung aus dem Zelt schlich. Zum Glück war Sam viel zu sehr von der Vorführung gefesselt, um mich zu bemerken. Solange die Show lief, wollte ich die Gelegenheit nutzen und ein bisschen frische Luft schnappen.

Auf unserem Rundgang über das Gelände hatte ich gesehen, dass man zwischen einigen Buden zu einem nicht genutzten Bereich des Geländes hindurchgehen konnte. Ich ging zum nächsten Durchgang und folgte dem schmalen Weg. Dahinter reihten sich Wohnwagen und Kleintransporter aneinander. Nur wenige Gäste hielten sich hier auf. Doch wenigstens schrie nicht alles nach Steampunk – die kleine Auszeit brauchte ich dringend.

Langsam spazierte ich bis zum Rand des Geländes. Hinter dem letzten Wohnwagen erstreckte sich ein Wald. Die Bäume rahmten wie eine natürliche Mauer das Festival ein. Ich raffte meinen Rock ein wenig und schritt langsam zwischen den Bäumen hindurch. Laub und Baumwurzeln griffen nach meinen Füßen. Hinter dem ersten Baum blieb ich stehen und lehnte mich an den Stamm. Sam würde mir die Hölle heißmachen, wenn sie heute Abend Flecken auf dem Kleid fand, doch ich brauchte eine Pause. Das Festival hatte meine Erinnerungen an die Vergangenheit hervorgeholt. Vor allem die an einen Krieger aus Schottland, der sich mit seiner raubeinigen Art in mein Herz geschlichen hatte.

Ein leises Knacken hinter mir ließ mich zusammenzucken, und ich schrie auf. Erschrocken sah ich mich um. Die Sonne stand zwar noch hoch am Himmel, doch durch die dichten Baumkronen drang kaum Licht bis zum Waldboden vor.

Weiter vorn bewegte sich etwas zwischen den Bäumen. Im ersten Moment hielt ich es für ein Tier, doch die Gestalt kam näher und lehnte sich schließlich ebenfalls an einen Baum. Der Mann schaute in meine Richtung, aber ich konnte sein Gesicht nicht erkennen.

»Hallo? Brauchen Sie Hilfe?«, fragte ich und ging langsam auf ihn zu.

Im Kopf legte ich mir verschiedene Banne und Flüche zurecht, die ich im Kampf gegen einen Dämon verwenden konnte.

Der Mann stieß sich vom Baum ab. Eine Hand auf seinen Bauch gepresst, taumelte er in meine Richtung.

Vorsichtig ging ich auf ihn zu.

»Maddy?« Die Stimme kam mir bekannt vor.

Ein kalter Schauder rann mir über den Rücken. Ich kannte sie so gut wie keine andere auf der Welt. Mit angehaltenem Atem lief ich zwischen den Bäumen hindurch, bis ich ihn im fahlen Licht erkannte.

Darvin!

Er stützte sich mit einer Hand an einem Baum ab, die andere drückte er auf seinen Bauch.

Nur wenige Schritte vor ihm blieb ich stehen. Glück und reine Freude durchfluteten mich, gefolgt von einem Schwall Sorge. Ich konnte es nicht glauben. Er war es tatsächlich!

Doch er schloss seine Augen und sackte zusammen.