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»Die Kleine da drüben ist scharf auf dich.«

Mit offenkundigem Desinteresse folgte Sean dem Blick von Dean über die Bar zu der Blondine, die nur ein paar Plätze weiter saß und ihn über ihr Bier hinweg ansah. An ihrer leichten Kleidung und ihrem eindeutigen Blick war für jeden zu erkennen, dass sie betrunken und auf Sex aus war. Doch Sean hatte keine Lust, schon gar nicht an Blondinen. Nicht seit seiner letzten Beziehung mit einer Blondine.

Er neigte sich wieder zu Dean, der über seinem Bier hing. Der Kerl sollte aufhören immer so viel zu trinken. Irgendwann würde es ihm seine Leber heimzahlen.

»Kein Interesse«, sagte Sean langsam und deutlich, damit Dean es diesmal auch verstand.

Aber der große Schotte mit dem schwarzen, schulterlangen Haar und dem markanten Kinn, auf das Frauen so sehr abfuhren, grinste ihn nur an. »Stehst wohl nicht auf Blonde was?«

Sean ersparte sich eine Antwort, da Dean ihn ohnehin ignorieren würde und es sicher schon morgen wieder vergessen hätte.

»Schweigen sagt mehr als tausend Worte.«

»Das heißt, ein Bild sagt mehr als tausend Worte.«

»Ist doch egal«, nuschelte Dean. Mit einem Ruck erhob er sich von seinem Barhocker und sagte leise zu Sean gewandt: »Wenn du nicht zugreifen willst, werde ich es tun.«

Damit machte sich Dean auf den Weg durch die verschwitzte Menge, die sich auf der Tanzfläche drängte, in Richtung Blondine. Sean beugte sich auf seinem Barhocker weiter vor, um sich das Schauspiel anzusehen. Die Blondine verfolgte die Bewegungen von Dean mit gespannter Aufmerksamkeit. Ihr Östrogen kam ihr offensichtlich zu Hilfe geeilt, denn sie ließ sich von ihrem Hocker gleiten und streckte ihre Hüften raus, als Dean bei ihr ankam. Das konnte doch nur auf eines hinauslaufen.

Nach einem kurzen Gespräch verschwand Dean mit seiner neuen Eroberung auf der Toilette, die sich praktischerweise von innen abschließen ließ, wie Sean aus eigener Erfahrung wusste. Durch die laute Musik würde so schnell auch niemand hören, was sich darin abspielte.

Sean wandte sich seinem Bier zu. Wenn Dean zurückkam, würde er den Kerl nach Hause bringen und sich dann selbst auf den Heimweg machen. Eigentlich hasste Sean diese Ausflüge, zu denen Dean ihn immer wieder überredete, aber der Schotte war nun mal sein bester Freund. Immer, wenn die beiden in der Werkstatt in den Pausen ins Gespräch kamen, beschwatzte Dean ihn zu solchen Ausflügen. Seit zwei Jahren kannten sich die beiden nun schon. Sean war sich sicher, dass sie in dieser Zeit jede Bar in Sheffield unsicher gemacht hatten.

Im Grunde sollte Sean diese Streifzüge durch das Nachtleben ja genießen. Immerhin war es erst fünf Jahre her, seit er aus dem Koma aufgewacht war. Aber irgendwie fehlte ihm seitdem der Antrieb. Er langweilte sich oft und konnte sich nur schwer für etwas interessieren. Außer natürlich Motorräder, seine Leidenschaft.

Nachdenklich sah er in sein Bier. Ein Gähnen überkam ihn. Dass er noch immer an seinem ersten Bier saß, hatte mehr damit zu tun, dass er sich in letzter Zeit nicht sonderlich wohl fühlte. Er konnte sich aber nicht vorstellen, dass er eine Erkältung ausbrütete. Dieses Unwohlsein hielt schon viel zu lange an. Er hatte keine Lust zu einem Arzt zu gehen und sich untersuchen zu lassen. Er wollte nicht in ein Krankenhaus. Nicht wieder an ein Bett gefesselt werden und vor allem wollte er nicht mit Medikamenten vollgepumpt werden.

Vielleicht sollte er doch eine bedeutungslose Affäre anfangen, dann konnte er sich ein wenig ablenken. Aber allein bei dem Gedanken daran, dass er eine Romanze anfing, sträubte sich alles in ihm. Er konnte sich nicht erklären, warum das so war. Aber das war auch der Grund, warum er schon immer zu den Angeboten der Frauenwelt Nein gesagt hatte.

Nur leider würde Dean das nicht verstehen und er mochte diesen Mistkerl zu sehr, um sich mit ihm zu streiten und die Freundschaft kündigen zu müssen.

Gelangweilt schaute sich Sean in der Bar um, bis sein Blick auf dem Spiegel auf der anderen Seite der Theke hänge blieb. Der Schriftzug darauf war verblasst, das Bild kaum noch zu erkennen. Stattdessen sah Sean nur sich selbst. Das hellbraune kurze Haar hatte seit Tagen keinen Kamm mehr gesehen und die letzte Rasur war auch schon wieder zwei Tage her. Seine dunkelgrünen Augen sahen ihn müde an. Er musste hier raus.

Es dauerte eine halbe Stunde, bis Dean endlich aus der Toilette herauskam. Er zog sich seine Hose zurecht und grinste über das ganze Gesicht. Der Mistkerl hatte noch nicht mal ein schlechtes Gewissen, dass er sich so aufführte. Sein Selbstbewusstsein war der Hammer. Seine neue Eroberung war allerdings noch nicht zu sehen. Vermutlich konnte sie auch noch nicht wieder auf den eigenen Beinen stehen.

Mit einem siegessicheren Grinsen setzte sich Dean neben ihn.

»Irgendwann wirst du dich mit deinem Verhalten in große Schwierigkeiten bringen«, sagte Sean schließlich.

Dean grinste, griff nach seinem Bier und sagte: »Wenn du nur wüsstest, wie oft ich das schon gehört habe.«

»Und warum hast du diese Warnungen dann noch nie Ernst genommen?«

»Ich bin eben ein charmantes Kerlchen. Die Frauen lieben mich.«

Sean konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Der Kerl hatte wirklich ein sehr gutes Selbstwertgefühl. Er klopfte ihm noch einmal auf die Schulter und sagte: »Trink aus, es wird Zeit zu gehen.«

Mit einem Nicken in Richtung Barkeeper machte Sean deutlich, dass er zahlen wollte. Er ließ ein paar Scheine auf der Theke liegen. Allerdings machte Dean mal wieder Anstalten zu bleiben.

»Der Abend ist doch noch jung.«

»Es ist zwei Uhr morgens und wir müssen morgen weder zur Arbeit«, erwiderte Sean und zog am Arm seines Freundes.

»Ich kann auch mit wenig Schlaf arbeiten.«

»Aber ich nicht und jetzt beweg deinen Arsch.«

An einem Arm zerrte er Dean aus der Bar. Obwohl Sean beachtliche ein Meter einundachtzig groß war, überragte Dean ihn locker um eine Kopflänge. Neben dem breitgebauten und muskulösen Schotten wirkte Sean immer schlanker, aber zum Glück war er nicht mehr so dürr wie kurz nach dem Koma. Draußen auf der Straße herrschte Stille. Um diese Uhrzeit war in dieser Gegend von Sheffield nicht besonders viel los. Nur ab und an fuhr mal ein Auto vorbei. In allen Fenstern war es schon dunkel. Die braven Männer und Frauen der Stadt lagen bereits in den Betten und Sean sollte das eigentlich auch tun.

Dean torkelte den ganzen Weg bis zu seiner Wohnung neben Sean her. Immer wieder achtete er darauf, dass der Schotte nicht versehentlich auf die Straße lief und von einem Auto erfasst wurde. Die Chancen, dass das geschah, waren zwar sehr gering, doch Sean wollte es nicht darauf ankommen lassen.

Bis zu Deans Wohnung war es zum Glück nicht weit. Das war auch der Grund, warum die beiden heute Abend zu Fuß aufgebrochen waren. Vor der Tür lehnte sich Dean an die Hauswand. Er blickte Sean noch einmal genauer an. Etwas am Blick seines Freundes jagte Sean einen kalten Schauer über den Rücken. Doch dann schloss Dean die Augen und sagte: »Weißt du, wenn du weiter so eifrig den Mönch gibst, wirst du irgendwann noch platzen.«

»Tja ich bin eben sehr wählerisch, was meine Freundin angeht.«

»Bin ich auch.«

»Konnte man heute ja deutlich sehen.«

»Neidisch?«

»Nicht unbedingt.«

Dean zog seinen Schlüssel aus seiner Tasche und machte sich eine Weile an der Haustür zu schaffen, bis er die Tür endlich öffnen konnte.

»Wir sehen uns dann morgen in der Werkstatt«, sagte Sean nur, als Dean sich in den Hausflur schleppte und sich anschickte, die Treppen hinauf zu steigen.

Bei seinem Zustand war es verwunderlich, dass der Kerl morgen früh wieder fit war und nicht mal einen Kater haben würde. Das war zum verrückt werden!

Mit einem unterdrückten Gähnen drehte sich Sean zur Straße um. Dort stand sein Motorrad. Eine alte Cross-Maschine, die er vor einigen Jahren zum Laufen gebracht hatte. Dass er noch immer an Motorrädern und vor allem an Cross-Maschinen interessiert war, wunderte nicht nur ihn, sondern auch seinen Vater. Immerhin war er damals auch auf einer Cross-Maschine unterwegs, als er den Unfall hatte, der ihn für drei Monate ins Koma geschickt hatte.

Es nutzte ja doch nichts, sich darüber Gedanken zu machen. In seinem Leben war schon so manches passiert, was andere kaputtgemacht hätte. Vielleicht war das ja auch der Grund, warum er keine Angst hatte. Er nahm sich seinen alten Helm von der Maschine, schwang sich auf sein Bike und ließ den Motor mit einem Kickstart an. Dass ihn seine Maschine hier draußen niemand gestohlen hatte, lag nur daran, dass sie so alt war und ständig irgendwelche Macken hatte.

Er stieß sich von der Bordsteinkante ab und brauste die Straße hinunter in Richtung Westen. Der Fahrtwind zerrte an seiner Jacke und an der Hose. Er raste über die Straßen und auf die Autobahn. Hier war immer etwas los, egal zu welcher Stunde oder an welchem Tag.

Sean fuhr gerne über die Autobahn, denn hier gab es so viele Möglichkeiten seinen eigenen Kopf zu riskieren. Er brachte seine Maschine auf volle Leistung und schoss zwischen den Fahrzeugen hindurch. Ein paar Autos hupten, doch das ignorierte er. Zwei Lastwagen vor ihm lieferten sich gerade ein Wettrennen. Zwischen ihnen war nicht besonders viel Platz. Er spornte seine Maschine weiter an und jagte in den dünnen Spalt zwischen den Lastern. Die Ränder seines Lenkers stießen mit den Lastern zusammen.

Funken sprühten.

Sein Herz raste wie wild. Ein euphorisches Lachen drang über seine Lippen.

Das war es!

Einer der wenigen Momente, in denen Sean spürte, dass er noch am Leben war. Nach einigen Sekunden schoss er zwischen den Lastern heraus. In den Lichtkegeln der Scheinwerfer konnte er seinen eigenen Schatten auf der Straße sehen. Nur ein paar Meter vor ihm kam eine Ausfahrt. Ein Wagen näherte sich seiner Spur. Er riss das Lenker herum und schoss im letzten Augenblick vor dem anderen Auto davon. Erst kurz vor der Leitplanke auf der anderen Seite der Fahrbahn zog er den Lenker wieder gerade und brauste die Autobahn entlang.

Sein Herz raste. Das Blut schoss durch seine Adern. Sean fühlte sich so lebendig, wie es nur selten in seinem Leben der Fall war.

Ein unangenehmes Prickeln erfasste Sean und er fühlte sich plötzlich beobachtet. Sean fuhr zu der Abfahrt, die ihn nach Hause bringen würde, als er mit einem Mal das Gefühl hatte, verfolgt zu werden. Er schaute kurz über seine Schulter, doch hinter ihm war niemand zu sehen. Das musste er sich nur eingebildet haben, denn der Verdacht war so schnell verschwunden wie er gekommen war. Als hätte eine innere Stimme in ihm nach langer Zeit wieder gesprochen, nur, um gleich darauf wieder zu verstummen.

Er fuhr weiter die Abfahrt hinunter. Die Autobahn war an dieser Stelle ein wenig erhöht, sodass ein Sprung mit einem Motorrad gefahrlos möglich war. Sean rauschte über die Kante der Abfahrt und landete sicher auf der Straße. Diesen Stunt hatte er schon oft geschafft und mindestens genauso oft hatte sein Vater ihn deswegen zur Schnecke gemacht.

Der schwarze Wagen tauchte aus dem nichts aus. Sean hatte gerade noch Zeit auszuweichen, da schoss das andere Gefährt dicht an ihm vorbei und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Er musste einen Fuß auf die Straße stellen, um nicht umzufallen.

»Arsch!«, rief Sean dem fremden Fahrzeug nach und atmete erst einmal tief durch.

Hinter sich hörte er das Quietschen von Reifen. Verwundert sah Sean über seine Schulter. Das dunkle Auto wendete mitten auf der leeren Kreuzung und fuhr dann langsamer wieder in seine Richtung.

Wollten die hier parken?

Konnte ihm doch egal sein.

Sean stieß sich von der Straße ab und fuhr weiter. Doch schon an der nächsten Kreuzung bemerkte er, dass der schwarze Wagen nicht geparkt hatte, sondern ihm in größerem Abstand folgte.

Was sollte das denn?

Sean bog ein paar Mal ziellos ab, doch der andere Wagen blieb immer hinter ihm, ohne aufzuholen.

Die wollten doch was von ihm! Vielleicht wollten die ihn entführen und von seinem Vater Lösegeld fordern. Na dann sollten die ihn erst einmal fangen!

Sean gab Gas und schoss durch die Straßen ins Zentrum der Stadt. Er nahm absichtlich die engeren Straßen, weil seine Verfolger mit ihrem breiten Auto hier nur schlecht durchkommen würden. Aber sie gaben dennoch nicht auf.

Sean bog um die nächste Ecke und steuerte in der falschen Richtung durch eine Einbahnstraße. Ein anderer Autofahrer hupte laut. Sean konnte sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen. Das machte mehr Spaß als ein Videospiel. Kurz vor dem entgegenkommenden Auto zog Sean nach rechts und fuhr auf dem Fußgängerweg weiter. Hinter ihm erklang lautstarkes Hupfen. Aber Sean wurde nicht langsamer. Er schoss aus der Einbahnstraße und über eine der belebteren Kreuzungen von Sheffield. Dann schlug er den Weg aus der Stadt hinaus ein. Den schwarzen Wagen hatte er jedenfalls abgehängt. Er fragte sich nur eine Minute lang, was die wohl von ihm wollten, ehe ihn das alles nicht mehr interessierte und er auf die Umgehungsstraße einbog.

Von hier aus brauchte er nicht mehr lange, bis er endlich zu Hause war. Im Haus seines Vaters. Dass er noch keine eigene Wohnung hatte, lag nur an diesem blöden Unfall und seinem Koma. Sein Vater nutzte das als Gelegenheit, um seinen Sohn an sein Haus zu fesseln.

Warum ließ er sich das nur gefallen?

Sean hätte das Haus seines Vaters nicht verfehlen können, selbst wenn es stockdunkel wäre. Es war das einzige Anwesen in der Gegend, das größer als ein Rugby-Stadion war. Wie sich sein Vater das leisten konnte, war Sean schon immer ein Rätsel gewesen. Er wusste, sein Vater war eine führende Größe in der Automobilindustrie, doch er hatte ihn noch nie wirklich arbeiten sehen. Vermutlich war er von adeliger Herkunft und verprasste das Familienvermögen.

Sean fuhr zur Auffahrt des Anwesens und drückte auf den Knopf seiner Fernbedienung. Fast lautlos glitt das gusseiserne Tor zur Seite und ließ ihn hinein. Die Auffahrt führte in einem großzügigen Bogen zum Herrenhaus hinauf. Das einzig Gute an dem großen Haus war, dass er seinem Vater aus dem Weg gehen konnte.

Durch die Fassadenbeleuchtung wurde das weitläufige, viktorianische Herrenhaus ins rechte Licht gerückt. Der sauber getrimmte Garten tat sein Übriges, um den Eindruck eines steifen Aristokratenhauses zu vollenden. Schon in seiner Kindheit hatte Sean es gehasst, hier zu leben. Seine Freunde in der Schule waren eigentlich keine Freunde, das hatte Sean früh gelernt. Deswegen erzählte er heute auch niemandem, wer er war und wo er lebte. Selbst Dean wusste nichts.

Sean fuhr seine Maschine zur Garage, die neben dem Haupthaus lag. Dass hier drin ein kleines Vermögen an Fahrzeugen parkte, interessierte ihn nicht. Er schob seine Maschine am Rolls-Royce vorbei und stellte sie an der Wand ab. Viel weiter hinten, auf der anderen Seite der Halle, stand seine Harley Davidson, die er selbst gebaut hatte. Er fuhr sie allerdings nicht sehr oft, dazu hatte er keine Zeit mehr.

Mit einem letzten Gähnen schloss er die Garage ab und drehte sich zum Herrenhaus um. Viel länger würde er es nicht ertragen, hier zu wohnen. Er musste unbedingt mit seinem Vater sprechen. Er musste hier raus! Dieses Anwesen war nichts für ihn.

Der Haupteingang lag am Ende einer breiten Treppe, die von der Auffahrt zum Haus führte. Von dort aus gelangte man in die Eingangshalle des Hauptgebäudes. Das Erste, was einem hier auffiel, war das riesige Portrait von Karoline Lugria. Seiner Mutter. Sie saß in einem weißen Samtkleid auf einem thronähnlichen Stuhl. Ihr braunes Haar fiel ihr in weichen Wellen über die Schultern. Ein schüchternes Lächeln zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Mit gefalteten Händen begrüßte sie alle Gäste des Hauses. Sean selbst konnte sich an seine Mutter nicht mehr erinnern. Er war erst fünf Jahre alt gewesen, als sie an einer verpfuschten Blinddarm OP gestorben war. Sein Vater hatte damals das ganze Krankenhaus verklagt und gewonnen. Ein weiterer Grund für Sean Krankenhäuser zu meiden.

»Hallo Mom«, sagte Sean zum Gemälde seiner Mutter, dann wandte er sich nach links zu der großen Freitreppe, die die halbe Halle einnahm.

Er folgte dem Flur in den Ostflügel. Das hinterste Zimmer auf diesem Flur war seins. Als Sean die Tür öffnete, war es, als würde er ein anderes Haus betreten. In seinem Zimmer herrschte wieder das blanke Chaos. Kleidung, Werkzeug und Zeitschriften lagen auf dem Boden verteilt. Sean schloss die Tür hinter sich, ließ seine Sachen fallen und legte sich auf sein Bett. Der Schlaf übermannte ihn, kaum, dass er richtig auf dem Bett lag.

 

Der Traum begann mit Nebel.

Sean hörte Donner und mehrere Männer, die wild durcheinander riefen. Er roch Rauch und Asche. Noch bevor er etwas sehen konnte, wusste er, dass er gleich mitten in einem Krieg stehen würde.

So geschah es auch.

Sean stand im Hof einer Burg. Ein paar Männer liefen zwischen den alten Ställen entlang, in denen altmodische Motorräder abgestellt waren. Sie sahen ihn nicht. Er sah sich nach der ausgetretenen Treppe um, die ihn auf die Mauer bringen würde. Ein lautes Donnern ließ den matschigen Boden unter seinen Füßen erzittern. Er sah zur Burgmauer hinauf.

Saphira stolperte aus einer der Türen am Fuß eines der Türme hinaus. Sofort schlug sein Herz vor Erleichterung höher. Am liebsten wollte er zu ihr laufen und sie fest an sich drücken. Niemand sollte sie ihm je wieder wegnehmen!

Sie trug noch immer das blaue Seidenkleid und sah ängstlich und in Panik zum Fuß der Mauer hinunter. Er wusste, was sie dort sah.

Einen brennenden Wald und Männer, die auf Leben und Tod miteinander kämpften. Nach so langer Zeit des Friedens war der Krieg nun doch erneut ausgebrochen. Diese eine Schlacht könnte sich rasch auf alle Königreiche Britanniens ausbreiten.

Er rannte die ausgetretene Holztreppe hinauf. Der schmale Weg auf der Mauer war nass und rutschig. Saphira trug keine Schuhe. Sie würde noch ausrutschen und stürzen!

Es war dunkel und stank nach Rauch. Wilde Rufe waren zu hören und dumpfes Donnern. Feuer hatte den Wald erfasst. Rote Flammen schossen in den Nachthimmel und vernebelten die Sterne.

Er lief zu ihr. Saphira sah auf, als spürte sie, dass er da war. Den Tränen nahe und in tiefer Verzweiflung rannte sie auf ihn zu. Er fing sie auf und schloss sie fest in seine Arme. Glück und Erleichterung, sie wieder zu haben, durchströmten ihn wie eine Flutwelle. Endlich hatte er sie zurück und er würde sie niemals mehr loslassen.

Sie zitterte.

Er streichelte sie, damit sie es wärmer hatte.

»Jetzt wird alles gut, ich bin da«, sagte er leise zu ihr.

Saphira sah auf. Angst, Panik und Verzweiflung standen ihr ins Gesicht geschrieben.

»Ich habe Angst.« Ihre Stimme klang leise und zittrig.

»Das brauchst du nicht. Ich beschütze dich.«

Doch die Verzweiflung in ihren Augen blieb. Plötzlich packte auch Sean die Angst, jedoch nicht vor dem Krieg unter ihnen.

»Nein … Tu das nicht, bitte«, stammelte er in Panik.

Saphira blieb entschlossen. Sie löste sich sanft aus seiner Umarmung.

»Tu mir das nicht an, bitte!«

»Es tut mir leid. Es geht nicht anders.« Saphira schloss die Augen und begann von einer Sekunde auf die nächste regelrecht zu leuchten.

»Nein … Saphira!«

Ein lauter Knall und eine Druckwelle rissen ihn von den Füßen. Alles um ihn herum wurde schwarz.