Gelöschte Szene aus Kapitel 8


 

Turmalin schlich sich durch den leichten Nieselregen und sah sich aufmerksam auf dem Gelände der Universität um. Hier gab es zu viele Menschen, die sich umsahen. Das Schlimme war ja, das niemand etwas von seinem Volk wusste und auch nicht von den Vollstreckern. Das bedeutete zwar, dass er sich relativ sicher bewegen konnte, doch auf der anderen Seite hieß das auch, dass keiner der Menschen Angst vor den Vollstreckern hatte.
So ein Mist.
Für gewöhnlich fielen die Vollstrecker dank ihrer Uniformen immer auf wie bunte Hunde. Die Menschen hatten vor ihnen genauso viel Angst wie vor seinem Volk. Aber hier kannte niemand die Vollstrecker und er würde auch nicht durch panische Schreie gewarnt werden.
Müde lehnte sich Turmalin an einen Baum. Zum Glück war es heute sehr kalt und keiner würde sich wundern, wenn hier jemand mit einer dicken Jacke herumstand. Darunter ließ sich so gut ein ganzes Waffenarsenal verstecken.
Argentum lehnte an einem anderen Baum ganz in seiner Nähe. Ekanit hatte auf der anderen Seite Stellung bezogen. Zu dritt behielten sie das Hauptgebäude, in dem Sean vorhin verschwunden war, im Auge. Turmalin hatte Sean vor wenigen Augenblicken hinter einem der Fenster entdeckt. Er hatte sich im Park um die Uni herum umgesehen und nach ihm gesucht.
Sean war viel aufmerksamer als gut für ihn war. Doch seit einigen Minuten tat sich in dem Büro rein gar nichts mehr. Turmalin hatte nur mitbekommen, dass jemand das Büro betreten hatte. Dann war da drin alles still geworden. Scheinbar hatten Sie sich hingesetzt und sprachen nun über das Buch. Es würde schon an ein Wunder grenzen, wenn ein Mensch herausfinden würde, was es mit dem Buch auf sich hatte. Doch das sollte im Moment nicht seine Sorge sein.
Turmalin schaute sich aufmerksam im Park um. Der leichte Nieselregen vertrieb die meisten Studenten schnell wieder. Wer sich dennoch draußen aufhielt, musste einen guten Grund dafür haben.
Doch noch hatten seine Sinne nicht Alarm geschlagen. Noch war kein Vollstrecker in der Nähe, aber die würden sicher nicht lange auf dich warten lassen.
Auf dem Weg ganz in seiner Nähe liefen ein paar junge Studentinnen entlang. Sie blickten in seine Richtung und lächelten ihn an. Turmalin wandte den Blick ab. Er hatte noch nie besonders viel Talent darin besessen mit Frauen zu reden und jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um daran etwas zu ändern.
Er sah wieder zu den Fenstern, die in das Büro von diesem Archäologen zeigten. Noch immer bewegte sich nichts. Einen Moment überlegte er, ob er sich nicht näher zu den Fenstern schleichen und einen Blick ins Zimmer werfen sollte.
Aber im Moment war es zu gefährlich, seine Deckung zu verlassen. Er durfte nicht riskieren entdeckte zu werden. Ekanit stand hinter seinem Baum und rührte sich nicht. Immer wieder blickte der Gardist zu den Fenstern des Büros, doch Turmalin hatte immer mehr das Gefühl, das es nicht Sean war, den Ekanit da beobachtete.
Turmalin legte den Kragen seiner Jacke höher und verließ seine Deckung. Die kleinen Regentropfen stachen auf seiner Haut wie hundert Nadelstiche. Nicht dass ihn das gestört hätte, doch wenn sie wohl noch lange hier warten mussten, würde der Regen irgendwann anfangen zu nerven.
Ekanit sah ihn nur kurz an, als er sich neben ihn hinter den Baum stellte.
»Was war neulich eigentlich mit dir los?«, fragte Turmalin leise.
Doch Ekanit antwortete ihm nicht. Er blickte nur weiter zu den Fenstern des Büros.
»Wir haben den Auftrag, nicht entdeckt zu werden. Du hättest uns beinahe aufliegen lassen.«
»Er ist noch nicht in der Lage uns zu erkennen«, grummelte Ekanit nur mit seiner tiefen Stimme.
»Das bedeutet aber noch lange nicht, dass er es nicht auch merken würde, wenn ihn jemand beobachtet und verfolgt.«
»Selbst wenn er uns bemerkt haben sollte, wie sollte er dann bitte auf die Idee kommen, dass wir ihn beschatten?«
»Sean ist nicht dumm. Vorgestern hätte er uns beinahe entdeckt. Wir müssen vorsichtiger sein.«
Ekanit brummte nur.
»Hör´ mir zu«, Turmalin trat ganz nah an den anderen Gardisten heran. »Diese Mission ist zu wichtig, als das ich zulassen kann, dass du Mist baust. Hier steht zu viel auf dem Spiel, also konzentrier dich.«
Ekanit blickte ihn endlich wieder an. Seine Augen hatten sich verdunkelt, doch Turmalin würde sich davon nicht einschüchtern lassen.
»Ich bin immer konzentriert«, brummte Ekanit schließlich.
»Das will ich auch hoffen.«
Damit wandte sich Turmalin ab und begab sich wieder hinter seinen Baum. Er war sich nicht absolut sicher, doch er vermutete, das Ekanit ein Auge auf diese menschliche Frau geworfen hatte. Solche Komplikationen konnte er sich nicht leisten. Er hoffte nur, dass diese Vernarrtheit schnell nachlassen würde. Wenn sich einer seines Volkes für eine Frau interessierte, war es meistens etwas Ernstes und das bedeutete, dass Ekanit in den nächsten Tagen nicht mehr zu gebrauchen war.
Vorsichtig blickte er wieder zu den Fenstern. Noch immer tat sich da drin nichts. Er sollte sich ins Gebäude schleichen und das Büro von innen im Auge behalten. Von dort würde er sicher mehr sehen können als von hier.
Ein leises Rufen von Argentum lenkte seine Aufmerksamkeit auf den anderen Krieger.
Argentum stand noch hinter seinem Baum und nickte immer wieder zu den Bäumen, die sich auf der anderen Seite des Hofes befanden. Seinem Gebärden nach zu urteilen, musste sich dort hinten etwas sehr Gefährliches befinden.
Turmalin musste sich von seinem Platz aus weiter um den Baum beugen, um die Bäume zu sehen, die Argentum im Blick hatte. Hinter den Bäumen bewegten sich ein paar Männer.
Auch auf diese Entfernung und bei dem schlechten Licht konnte Turmalin die sechs Männer erkennen, die sich da hinten zwischen den Bäumen aufhielten. Sie trugen zwar nicht ihre üblichen Uniformen, doch seine Sinne sagten ihm, dass diese Männer Vollstrecker waren. Und sie waren in der Überzahl.
Nicht dass Turmalin das sonderlich gestört hätte, doch im Augenblick waren sie alle um Unauffälligkeit bemüht. Ein offener Kampf mitten auf dem Campus würde die Polizei der Menschen ins Spiel bringen und Turmalin hatte keine Ahnung, wie er diesen Polizisten die ganze Sache erklären sollte.
Er musste zumindest einen Teil der Vollstrecker vom Campus weglocken und sie ausschalten, damit sie später nicht so viel Ärger bekommen würden.
Es war ihm inzwischen kein Rätsel mehr, wie es dem Scharfrichter gelungen war ein paar Vollstrecker hier herzubringen. Er war sich auch sicher, dass die Möglichkeiten des Scharfrichters begrenzt waren und er nicht noch mehr Verstärkung für seine Männer holen konnte.
Turmalin musste seine Feinde dezimieren, dann würde es keine weiteren bösen Überraschungen geben.
Mit den Händen gab er Argentum ein Zeichen, das er hier bleiben sollte, um das Büro weiter zu beobachten. Dann drehte er sich zu Ekanit um und deutete ihm an ihm zu folgen.
Ekanit brummte nur wieder, doch er verließ seinen Posten und folgte Turmalin in den Schatten hinter dem Hauptgebäude.
Turmalin umrundete mit Ekanit im Schatten das Hauptgebäude, bis er auf der anderen Seite wieder den Bereich des Parks erreichte, den sie zuvor von der anderen Seite beobachtet hatten. Die sechs Vollstrecker hatten sie noch nicht bemerkt. Sie alle sahen ziemlich jung aus. Turmalin bezweifelte, dass einer von ihnen jemals mit einem Gardisten gekämpft hatte. Aber sie wären keine Vollstrecker, wenn sie nicht in der Lage wären, einen seines Volkes zu töten.
Er blickte über seine Schulter zu Ekanit. Der war wieder voll und ganz bei der Sache, also konnten sie die Zahl ihrer Feinde dezimieren.
Turmalin machte einen Schritt nach vorn, damit seine Feinde ihn sehen konnten. Diese jungen Vollstrecker entdeckten ihn sofort. Einer von ihnen bekam ganz große Augen, doch er rührte sich nicht von der Stelle. Er nickte zu seinen Männern. Sofort lösten sich zwei von ihnen aus der Formation hinter den Bäumen.
Turmalin sah wieder zu Ekanit. Die beiden machten sich auf den Weg um den Campus zu verlassen. Hier würde ein Kampf zu sehr auffallen. Turmalin und Ekanit konnten aber auch nicht zu schnell laufen, damit ihre »Verfolger« sie nicht aus den Augen verloren. Dass die Vollstrecker nicht auf den Gedanken gekommen waren, dass Turmalin sie nur von der Uni weglockte, wunderte ihn sehr. Diese Vollstrecker waren offenbar wirklich sehr jung und wer jung war, der machte nun mal Fehler.
Weit von der Uni entfernt, tief im Inneren der Stadt suchten sich die beiden eine Seitenstraße in der Nähe der Themse. Hier würde niemand Fragen stellen, wenn sich ein paar Männer eine Schlägerei lieferten und die Leichen ließen sich am Ende schnell beseitigen.
Mitten in einer Gasse blieben die beiden stehen. Sie drehten sich in die Richtung um, aus der sie gerade gekommen waren. Die Vollstrecker würden sicher gleich hier auftauchen.
»Spiel nicht mit ihnen. Wir müssen sie los werden und dann wieder zurück«, sagte Turmalin leise.
Ekanit brummte nur.
Kurz darauf tauchten die beiden Vollstrecker, die hinter ihnen hergeschickt worden waren, am Ende der Gasse auf. Noch immer ahnten die beiden nicht, dass sie in eine Falle liefen. Wie konnten diese Vollstrecker nur so leichtsinnig sein?
Doch plötzlich zogen die beiden Vollstrecker Schusswaffen und zielten in ihre Richtung. Turmalin und Ekanit retteten sich mit Sprüngen hinter einen Müllcontainer und ein paar Kisten, die hier in der Gasse herumstanden. Die Schüsse halten laut zwischen den beiden Gebäuden wieder. Die Kugeln prallten an den fensterlosen Wänden ab.
Waren diese beiden Vollstrecker verrückt geworden? Die Schüsse würden doch die Polizei alarmieren und dann bekamen sie alle große Probleme.
Von seiner Deckung aus blickte er zu Ekanit. Der zog schon seine Waffe und blickte wütend über seine Schulter. Als würde er Turmalins Blick auf sich spüren, sah er zu ihm rüber. Turmalin deutete ihm an, dass er ihm Deckung geben sollte. Ekanit nickte nur, dann beugte er sich auch schon um den Container herum und eröffnete das Feuer. Die Polizei würde sicher bald hier sein, also mussten sie sich beeilen.
Turmalin spürte, wie sich die beiden dummen Vollstrecker eine gute Deckung suchten. Genau in diesem Moment rannte er aus seiner Deckung hervor und auf die gegenüberliegende Seite der Gasse zu. Hier stieß er sich vom Boden ab. Mit all seiner Kraft gelang es ihm, das Dach des niedrigen Gebäudes zu erreichen und sich an der Dachkante nach oben zu ziehen. Ein Mensch hätte das mit Sicherheit nicht geschafft.
Er duckte sich auf dem Dach und blickte wieder über die Dachkante nach unten. Die beiden Vollstrecker am anderen Ende der Gasse hatten noch nicht bemerkt, dass Turmalin nicht mehr da war. Sie nahmen Ekanit zu zweit in die Zange.
Geduckt lief Turmalin weiter auf dem Dach entlang. Bis zum anderen Ende des Daches brauchte er nicht lange. Nur wenige Meter hinter den beiden Vollstreckern ließ er sich wieder in die Gasse fallen. Sanft und fast geräuschlos landete er auf der Straße. Die beiden Vollstrecker hatten ihn nicht bemerkt.
Turmalin machte mit den beiden kurzen Prozess. Zwei gezielte Schläge und die beiden Vollstrecker waren ausgeschaltet. Die plötzlich Stille in der Gasse drückte richtig auf die Ohren.
Turmalin musste nicht aufblicken, um zu wissen, das Ekanit zu ihm lief. Mit gezogener Waffe blieb er vor den beiden Vollstreckern stehen.
»Was zum Teufel war denn mit den beiden los?«, fragte Ekanit schließlich.
»Ich weiß nicht.«
Vermutlich waren die beiden jung und wussten nicht, dass sie sich hier unauffällig benehmen mussten.
Die Sirenen in der Ferne ließen Turmalin aufhorchen. »Los komm. Wir müssen die beiden los werden.«
Turmalin packte einen der Vollstrecker an seinem Arm und schleifte in die wenigen Meter bis zum Flussufer. Hinter sich hörte er Ekanit, der sich den anderen Vollstrecker geschnappt hatte.
Er zögerte nicht und warf den Toten einfach in den Fluss. Die schwere Ausrüstung, die der Vollstrecker trug, zogen die Leiche nach unten. Hier in dem Dreck würde es sicher eine Weile dauern, bis man die Leichen fand. Bis dahin waren Turmalin und die anderen über alle Berge.
Ekanit hatte den anderen Vollstrecker auf die Arme gehoben und warf ihn nun wie Müll ins Wasser.
Die anderen Vollstrecker würden sicher bald merken, dass ihre beiden Kollegen nicht mehr wieder kamen. Bis dahin musste Turmalin wieder auf dem Campus sein. Er durfte nicht riskieren, dass die übrigen Vollstrecker Argentum überfielen.
Er durfte auch Sean nicht mehr aus den Augen lassen. Sicher war er nur ein paar Minuten fort, doch wer konnte denn schon wissen, was die Vollstrecker in der Zwischenzeit gemacht hatten. Vielleicht hatten sie seine Abwesenheit auch für einen Angriff genutzt.
Noch bevor die Sirenen der Polizei ihn erreichten, rannte Turmalin, gefolgt von Ekanit die Straßen zurück zur Uni. Seine Füße trugen ihn unglaublich schnell durch die Straßen und dennoch kam es ihm so vor, als würde er sich kaum von der Stelle rühren.

Gelöschte Szene aus Kapitel 20


 

Turmalin blickte zu Sean, der bewusstlos am Boden hinter einem Auto lag. Hier lassen konnte er ihn nicht, die Gefahr, dass Vollstrecker auftauchten und ihn mitnahmen, war zu groß. Er konnte ihn aber auch nicht mitnehmen, da Sean sich noch nicht an ihn erinnerte.
Sehr lange würde es aber sicher nicht mehr dauern, bis er wieder wusste, wen er da vor sich hatte. Vorhin hatte er ihn ja auch schon gefragt, ob sich die beiden von irgendwoher kannten. Obwohl es voreilig war, solche Vermutungen anzustellen, regte sich in Turmalin doch die leise Hoffnung, dass Sean schnellere Fortschritte machte, als sie bisher dachten.
Er hatte auch kämpfen können. Das war doch schon mal ein guter Anfang. Außerdem war sich Turmalin sehr sicher, dass er vorhin die schwache Präsenz von Saphira gespürt hatte. Sie war eindeutig kurz hier gewesen. Oder zumindest hatte sie mit Sean Kontakt aufgenommen. Vielleicht hatte sie ihm ja ein paar Erinnerungen gezeigt, das war doch immerhin möglich.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Argentum schließlich.
Turmalin blickte zu seinen beiden Gefährten. Sie waren rasch hier gewesen. Vielleicht ein bisschen zu schnell. Aber daran konnte er jetzt nichts mehr ändern.
»Ruf einen Krankenwagen. Sag denen, dass du gerade einen Raubüberfall gesehen hast und das jemand in der Tiefgarage dieses Hotels niedergeschlagen wurde«, befahlt Turmalin und suchte seinerseits nach seinem Handy.
Argentum drehte sich mit seinem Handy schon um, als Turmalin die ihm so bekannte Nummer wählte und sich das kleine Ding an sein Ohr hielt.
»Was gibt es?«, erklang die so vertraute Stimme aus dem Handy.
Turmalin lief mit Ekanit im Schlepptau los, um die Tiefgarage zu verlassen. »Wir konnten ihn nicht mitnehmen. Er ist noch nicht so weit.«
»Das ist nicht gut.«
»Ich weiß, aber er hat mich vorhin gefragt, ob wir uns kennen und es gelang ihm, mich über seine Schulter zu werfen.« Turmalin konnte die Freude in seiner Stimme nicht unterdrücken. Das waren gute Nachrichten.
»Du solltest nicht zu voreilig sein, Turmalin. Noch seit ihr nicht in Sicherheit und noch ist der Weg zu Saphira für uns versperrt.«
Ja, das traf den Nagel auf den Kopf. Es hatte sich nicht das Geringste geändert. Noch standen sie genau dort, wo sie sich auch schon letzte Woche befunden hatten.
»Sean hat noch einen langen Weg vor sich«, fuhr die Stimme am Handy fort. »Ein Weg, der mit vielen Gefahren übersät ist. Du musst ihn weiter im Auge behalten und alle Vollstrecker aus dem Weg räumen.«
»Das werde ich.«
»Melde dich auf jeden Fall bei mir, solltest du den Verdacht haben das sich der Scharfrichter in der Nähe aufhält. Er darf Saphira auf keinen Fall in die Hände bekommen.«
Als ob er das nicht Selbst am besten wüsste. So vieles war damals schief gelaufen und das alles nur wegen eines Verräters. Doch leider konnte niemand die Zeit zurückdrehen und die Fehler der Vergangenheit rückgängig machen.
»Ich melde mich wieder.«
Turmalin steckte das Handy in seine Tasche und drehte sich noch einmal nach Sean um. Auch wenn er sich schon an sehr viele Dinge erinnerte, er war noch immer nicht der Alte. Der echte Rubinos hätte ihn niemals angegriffen.
Als auch schließlich Argentum zu ihm kam, steuerte Turmalin direkt auf die Straße zu. »Wir müssen unsere Vorgehensweise ändern. Es ist deutlich geworden, das wir Sean nicht mehr wie einen Menschen behandeln können.«
»Ja, das mit dem Fahrstuhl vorhin, war eine ganz hinterlistige Aktion.«
Und so typisch für Rubinos. Er hatte es noch nie gemocht, von anderen hinters Licht geführt zu werden. Schon gar nicht von seinen eigenen Leuten. Nur leider war er sich jetzt dieser Tatsache nicht bewusst.
Turmalin steuerte mit den anderen auf der Straße die Innenstadt an. Sie mussten zuerst einmal in ihr Versteck zurück und sich dann überlegen, wie sie am besten vorgehen sollten.
Es war ohnehin merkwürdig, das sich die Vollstrecker nicht mehr blicken ließen. Doch Turmalin war sich sicher, dass die irgendwann wieder auftauchen würden. Die Frage war nur, wann und wo.
Aber im Augenblick mussten sie Sean weiter im Auge behalten.
Nur ein paar Querstraßen weiter rauschte auch schon ein Krankenwagen an ihnen vorbei. Er fuhr in Richtung Hotel, also würde man sich um Sean kümmern.
»Sollen wir wieder an der Uni auf Sean warten?«, fragte Argentum schließlich.
Das war im Grunde keine so schlechte Idee. Immerhin musste Turmalin herausfinden, was diese Professorin übersetzen konnte. Er war sich sicher, dass in dem Buch keine wichtigen Informationen standen, die Sean in seinem jetzigen Zustand durcheinanderbringen konnten. Doch es war bereits beunruhigend genug, das es hier einen Menschen gab, der ihre Sprache übersetzen konnte.
»Wir warten an der Uni auf Sean. Aber zuerst muss ich mir diese Frau näher ansehen. Ich muss wissen, ob sie wirklich in der Lage ist unsere Sprache zu übersetzen«, sagte Turmalin schließlich.
»Und wenn sie Hilfe bekommt?«
Auf die Frage von Argentum blieb Turmalin plötzlich stehen. Er blickte ihn so überrascht an, dass auch Argentum ihn verwundert ansah. Auf diesen Gedanken war selbst Turmalin nicht gekommen. »Wer sollte ihr denn helfen?«
»Ich weiß nicht. Vielleicht einer von unseren Leuten?«
»Das glaubst du doch wohl selbst nicht«, meinte Turmalin nur. »Keiner unserer Leute wäre so dumm einem Menschen unsere Sprache beizubringen, oder ihm bei der Übersetzung zu helfen.«
An die Möglichkeit eines weiteren Verräters wollte er nicht einmal denken.
»Und wenn es nicht freiwillig geschieht?«, fragte Argentum weiter.
»Du meinst, der Scharfrichter steckt dahinter?«
Argentum nickte nur.
Das wäre eine Theorie, die gut möglich sein könnte. Es war kein Geheimnis, dass der Scharfrichter immer wieder einen ihrer Leute fing und ihn dann als Geisel hielt. Es konnte auch gut sein, das dieser Mistkerl seine Geisel hier hergebracht hatte und ihn dann zwang, die Worte aus dem Buch zu übersetzen.
Doch Turmalin schüttelte nur den Kopf.
»Wenn es Vermisste gäbe, dann hätte Diamos uns das doch gesagt. Es ist immerhin unsere Aufgabe unsere Leute zu schützen. Außerdem hätten wir einen Unsterblichen bei der Uni spüren müssen.«
Argentum nickte nur.
»Dann ist diese Frau ein Genie«, meinte er nur noch.
Genies waren gefährlich. Vor allem wenn diese Frau die Worte aus dem Buch übersetzten konnte.
»Wir müssen uns diese Frau näher ansehen«, sagte Turmalin nur und beschleunigte sein Tempo.
Er war sich zwar sicher, dass diese Frau nicht mehr in der Uni war und arbeitete, doch er würde dort auf Sie warten und dann herausfinden, was sie wusste.
Wenn sie Kontakt mit dem Scharfrichter hatte, dann musste er Sean so schnell wie möglich aus dem Krankenhaus holen und mit ihm verschwinden. Hier stand zu viel auf dem Spiel. Das Schicksal seines ganzen Volkes hing von Sean ab.

Gelöschte Szene aus Kapitel 27


 

Das war eindeutig übel. Turmalin konnte beim besten Willen nicht sagen, was schlimmer war. Dass die Studenten in dem Ausgrabungslager alle tot waren, oder dass es vermutlich die Vollstrecker waren, die diese Tat begangen hatten.
Von seinem Versteck hinter der Düne konnte er das Lager der Studenten gut sehen. Sean war auf dem Weg hier her. Sicher spürte er schon, das sich hier etwas Schreckliches abgespielt hatte. Blieb nur die Frage, wie viel er erahnen konnte.
Sicher sie hatten andere Befehle, doch die Lage wurde deutlich immer schlimmer. Turmalin musste etwas unternehmen, um Sean da raus zu holen. Es war wichtig, das er nicht durcheinandergebracht wurde und sich in Ruhe auf alles Konzentrieren konnte, was noch auf ihn zukam. Doch die Gesellschaft, in der er sich befand, machte Turmalin mehr und mehr Sorge.
Schon diese Professorin, die er in Berlin überprüft hatte, erweckte sein Misstrauen. Wie konnte es nur sein, das ein Mensch die Sprache der Unsterblichen übersetzen konnte, ohne dabei Hilfe zu bekommen? Diese Frau war ein wahres Rätsel. Wenn sie es allein geschafft hatte, dann war sie sicher ein Genie. Und Genies waren gefährlich.
Doch Turmalin hatte kaum einen Gedanken an diese Frau verschwenden können. Sean hatte zu schnell beschlossen nach Ägypten zu reisen und nach der Leiche zu sehen, die hier in der Wüste lag.
Turmalin musste ihn weiter im Auge behalten, auch wenn er dabei Gefahr lief, von ihm entdeckt zu werden. Er musste ihn in Sicherheit bringen und versuchen ihm die ganze Sache zu erklären. Auch wenn Sean ihn dann vermutlich für einen Verrückten hielt.
»Bist du sicher das sie gleich hier herkommen?«, fragte Argentum neben ihm.
Sie lagen auf der Düne und beobachteten das Lager der Studenten nun schon seit einer Stunde.
»Ja, ich bin mir absolut sicher. Sean hat von nichts anderem gesprochen und Ekanit ist ihm doch immer noch auf den Fersen.«
»Und wenn sie noch einen Umweg machen?«
»Wo sollten die denn bitte hinfahren?«
»Ich habe keine Ahnung. Ich traue diesen Menschen nicht. Weder diesem Peter noch diesem Andrew.«
»Und was ist mit der Frau? Ilona?«
»Ekanit mag sie ganz offensichtlich. Da wäre es ziemlich Dumme, wenn ich etwas gegen sie sage.«
Da hatte Argentum sogar recht. Ekanit zeigte ein deutliches Interesse an dieser menschlichen Frau. Das war nicht gut. Ekanit würde sich da in eine aussichtslose Sache verrennen und bald wäre er gezwungen, Ilona wieder zu verlassen.
Eine Beziehung zwischen Menschen und Unsterblichen war noch nie gut gegangen. Ekanit würde das schon sehr bald einsehen müssen.
»Hältst du es für klug, wenn wir Sean jetzt von den Menschen trennen und ihn mit allem konfrontieren?«
»Wahrscheinlich nicht, aber uns bleibt wohl bald keine andere Wahl mehr. Sean ist in Gefahr und wir sind dafür verantwortlich, dass er in Sicherheit ist. Wir müssen ihn von den Menschen trennen und wegbringen. Danach können wir entscheiden, wie viel wir ihm sagen.«
Turmalin sprach es nicht laut aus, doch er hoffte innerlich, dass sich Sean inzwischen an ihn erinnert hatte und sich nicht wehren würde, wenn er ihn von den Menschen trennte. Aber so viel Glück würde er sicher nicht haben. Nicht nach allem, was in den letzten Jahrzehnten passiert war.
»Sollten wir nicht wenigstens Charles anrufen und ihm sagen, was hier passiert ist?«
»Diese Sache hier geht uns nichts an. Die Angelegenheiten der Menschen sind nicht unser Problem.«
Argentum blickte wieder zu dem Lager der Studenten. Er wusste sehr gut, was der anderen Unsterbliche dort unten sehen würde. Leichen. Zehn oder elf Menschen, deren Leben auf grausame Weise beendet worden war. Die Vollstrecker hatte wirklich gute Arbeit geleistet. Doch warum hatten sie Menschen angegriffen? Langweilten sie sich? Hatten sie befehle vom Scharfrichter bekommen? Wenn dem so war, warum hatten sie dann nichts aus dem Lager mitgenommen? Soweit es Turmalin beurteilen konnte, waren alle Fundstücke noch in dem großen Hauptzelt. Wenn der Scharfrichter befohlen hatte die Studenten umzubringen, dann hätten seine Vollstrecker doch auch die Fundstücke durchsuchen müssen. Was hatte der Scharfrichter nur vor?
Das leise Geräusch eines sich nähernden Geländewagens war zu hören. Das musste das Auto von Sean sein.
Turmalin konzentrierte sich auf das näherkommende Fahrzeug. Eine plötzliche Gänsehaut breitete sich auf seinem Körper aus. Diese Reaktion zeigte ein Unsterblicher eigentlich nur in Gegenwart eines anderen mächtigeren Unsterblichen.
»Spürst du das auch?«, fragte Argentum aufgeregt.
»Ja.«
Das war eindeutig Rubinos. Er saß dort unten in dem Geländewagen. Am liebsten wäre Turmalin nach unten gelaufen und hätte Rubinos sofort aus dem Auto geholt.
»Ich kann es nicht glauben«, hauchte Argentum nur.
Es war so lange her, das er Rubinos begegnet war, das ihm die Präsenz von Rubinos jetzt wie ein Hammer traf.
»Wir müssen uns zurückhalten.«
Argentum war deutlich anzusehen, das ihm das schwerfiel. Auch Turmalin selbst wollte losstürmen.
Da unten war sein alter Freund. Sein Kampfgefährte. So lange hatte er ihn nicht gesehen und jetzt musste er einfach tatenlos zusehen.
Der Wagen, in dem Rubinos saß, hielt nur wenige Meter vor dem ersten Zelt an. Sean stieg aus und näherte sich den Zelten. Turmalin war sich sicher, dass die Menschen es nicht sehen konnte, doch für ihn war es deutlich sichtbar. Um Sean herum hatte sich eine Art Aura aufgebaut, die ihn einhüllte wie ein Kokon. Seine Macht baute sich auf. Aber es hatte den Anschein, als würde eine andere Person die Hand über ihm halten, damit sich seine Macht nicht plötzlich einen Weg an die Oberfläche suchte.
Das musste Saphira sein.
Schon immer hatte zwischen den beiden eine Verbindung bestanden. Eine die andere Unsterbliche kaum verstehen konnten, wenn sie nicht in derselben Lage waren. Rubinos und Saphira gehörten zusammen. Der eine konnte ohne den anderen nicht lange Leben.
»Wir warten, bis es dunkel ist, dann sehen die Menschen kaum noch etwas. Dann holen wir ihn und bringen ihn erst mal von hier weg«, sagte Turmalin schließlich und rutschte von der Düne herunter.
Argentum blickte Rubinos noch einen Moment lang an, dann rutschte auch er die Düne herunter.