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Antonia schreckte aus dem Schlaf auf. Der Mond schien hell durch das Fenster in ihre Dachkammer. Unter ihr stach und drückte das Stroh durch die Decke, doch sie kannte es nicht anders. Leise drehte sie sich um und sah nach ihrer Familie. Sie alle schliefen auf ihren Lagern. Marie hatte sich das Laken bis über den Kopf gezogen und schlummerte. Nur durch die Bewegungen des Stoffes konnte sie die Atemzüge ihrer Tochter erkennen.

Bald schon würde ihr Gemahl wieder ein Kind von ihr verlangen, und sie konnte sich seinem Willen nicht widersetzen. Das wollte sie auch nicht. Sie wollte noch mehr Kinder. Noch viel mehr. Eines für jeden ihrer Finger. Sie liebte das Lachen der Kinder im Dorf und das Gefühl, ein kleines Bündel Leben in den Armen zu halten. Dass sie bisher nur ein Baby lebend zur Welt gebracht hatte, war ein schwerer Schlag für sie, aber Aufgeben kam nicht infrage.

Sie streckte ihre Glieder und richtete sich in ihrem Bett auf. Ein würziger Duft strömte in die Kammer. Es musste vor kurzem geregnet haben.

Voller Neugier trat sie ans Fenster und schaute hinauf in den Himmel. Keine einzige Wolke zeigte sich dort oben. Die Sterne strahlten auf dunklem Grund. Mitten in diesem funkelnden Meer leuchtete der Mond auf einem samtigen schwarzen Kissen. Doch was Antonias Aufmerksamkeit auf sich zog, war der leuchtende Schweif, der vor einigen Tagen am nächtlichen Firmament aufgetaucht war. Es bereitete ihr Angst, wie er sich nur langsam über das Himmelszelt bewegte. Von der Dorfkirche war bekannt gegeben worden, dass dies ein schlechtes Omen sei. Schreckliches Unheil würde über sie alle kommen, sollten sie nicht für ihre Sünden um Vergebung bitten.

Der kalte Wind der Nacht umhüllte sie. Sie rieb sich mit den Händen über die Arme und versuchte so, die Eiseskälte zu vertreiben.

Ihre Augen glitten über die vom Mondlicht erhellten Häuser des Dorfes und den Wald. In Nächten wie dieser wurde die Welt in ein wunderschönes blaues Licht getaucht.

Ein Schatten huschte zwischen den Gebäuden auf der anderen Seite des Marktes vorbei. Verwundert sah sie genauer hin. Um diese Zeit waren alle Bewohner in ihren Betten und schliefen selig. Was machte also einer von ihnen draußen auf der Straße? Nur der Nachtwächter sollte herumlaufen, doch der trug eine kleine Laterne bei sich.

Wieder rannte der Schatten hinter einem Lehmhaus hervor, nur um gleich darauf im großen Heulager zu verschwinden. Vielleicht war es auch nur ein Jüngling, der sich dort mit seiner Geliebten traf. Überraschen würde es sie nicht. Sie hatte bereits oft junge Leute im Stroh entdeckt, die der Sünde frönten. Sie selbst hatte es ebenfalls getan.

Aber etwas an der Art, wie sich der Schatten bewegte, kam ihr merkwürdig vor. Ein Mensch bewegte sich nicht so. Rascheln und Keuchen waren leise aus dem Lager zu hören. Sie wollte sich schon abwenden, als die Gestalt allein vor dem Lagerhaus auftauchte. Misstrauisch sah sich der Schatten nach jeder Seite um. Antonias Instinkt schlug Alarm. Rasch duckte sie sich, doch es war zu spät. Wer oder was auch immer da herumlief, er hatte sie gesehen.

Vorsichtig schaute sie noch einmal über den Rand des Fenstersimses nach draußen, doch auf dem Platz vor dem Lager war niemand mehr zu entdecken. Verwundert traute sie sich aufzustehen und sah sich auf dem gesamten Marktplatz um. Der Mond leuchtete auf den Brunnen hinunter. Antonia beugte sich immer weiter vor, um noch mehr erkennen zu können, doch auf dem kompletten Gelände war niemand.

Sie suchte mit ihren Blicken den Weg ab, der vom Markt zu ihrem Haus führte.

Ein Schrei entwich ihrer Kehle, als sie die Gestalt plötzlich direkt vor ihrer Haustür entdeckte. Rot glühende Augen schauten zu ihr empor. Dunkelheit strahlte von dem Wesen aus. Vor Schreck wie gelähmt, konnte sie nicht wegschauen, als das Monster anfing zu lächeln. Dann stolzierte es langsam weiter auf die Tür zu.

Es fühlte sich an, als würde jemand einen Zauber von ihr nehmen. Als sie das Monster nicht mehr sehen konnte, war sie endlich in der Lage, ihren Blick abzuwenden. Ihr Herz schlug bis zum Hals, die Knie wurden ihr weich. Ein Monster war vor dem Haus!

Sie hatte den Gedanken kaum gefasst, als etwas mit aller Kraft gegen die Tür knallte. Keuchend drehte sich Antonia zu ihrem Gemahl um. Sie rüttelte an ihm und rief seinen Namen, doch er reagierte nicht auf sie. Auch ihr Vater rührte sich nicht, als sie ihn bei der Schulter fasste. Ein Zauber musste auf ihrer Familie liegen!

Noch einmal donnerte etwas gegen die Tür. Das Splittern von Holz war zu hören. Etwas Schweres prallte auf den Boden. Dann erklangen Schritte auf den Dielen.

Das Monster war im Haus!

Sie musste etwas tun, um ihre Familie zu beschützen! Sie musste ihre Tochter retten! Nur wie?

Panik ergriff Besitz von ihrer Seele, doch die Angst um ihr Kind gab ihr die Kraft, ihre Beine wieder zu bewegen. Leise schlich sie sich zum Bett ihrer Tochter und zog die Decke weg. Marie schlief so tief, dass sie nicht aufwachte, als Antonia die Kleine aufhob. Mit zitternden Händen hob sie den schmalen Körper an ihre Brust und überlegte. In diesem Steinhaus gab es eine geheime Kammer, die ihr Vater für Gold benutzte. Sie war auch groß genug, dass sich ein Kind darin verstecken konnte.

Antonia wog ihre Schrittgeschwindigkeit sorgfältig ab, während sie über den Holzboden schlich. Von unter war lautes Klappern und Poltern zu hören. Das Monster suchte nach etwas. Doch alles Wertvolle war in dem Geheimversteck.

Vor einer Truhe ging sie auf die Knie. Sie brauchte all ihre Kraft, um die Holztruhe zur Seite zu schieben und die losen Bretter darunter aufzuheben. Unter den Holzbrettern fand sich ein Hohlraum im Stein. Einige Kästchen voller Gold lagen dort. Sie griff sich die Decke neben der Truhe und wickelte ihre Tochter fest darin ein. Ihr stiegen die Tränen in die Augen, als sie Marie einen Kuss auf die Stirn gab und sie dann vorsichtig in das Versteck legte. Sie bekam kaum Luft, so schnell hämmerte das Herz in ihrem Körper, als sie die Dielen wieder an ihren Platz niederlegte und die Truhe darüber schob.

Die Leiter knarrte.

Das Monster kam nach oben.

Sie musste es unbedingt von ihrer Tochter fernhalten, wenn sie schon den Rest ihrer Familie nicht in Sicherheit bringen konnte.

Als sie sich zur Holzleiter umdrehte, tauchte schon der Kopf des Monsters auf. Die roten Augen glühten wie der Tod persönlich. Sein Grinsen war das des Teufels. Seine Hände suchten auf dem Holzboden nach Halt, um den Rest des Körpers hinaufzuziehen. Der lange schwarze Mantel umfloss die Gestalt eng. Die bleiche Haut strahlte im Mondlicht. Ein leises Knurren drang über die schmalen Lippen.

Ihr blieb ein Schrei im Hals stecken, als das Monster den Mund öffnete und dabei spitze Zähne enthüllte. Sie waren so lang und scharf, dass es sein Maul kaum schließen konnte.

Langsam wanderte der Blick des Monsters von ihr zu ihrem Gemahl, der sich noch immer nicht bewegte. Wie gelähmt sah sie dabei zu, wie sich das Monster einem Tier gleich über den Boden schob, auf ihren schlafenden Mann zu. Die dünnen knochigen Finger zu Klauen geformt, baute sich das Monster über dem Ahnungslosen auf. Die Fänge blitzen im Licht.

Sie musste etwas unternehmen!

Von Angst und Wut gleichermaßen erfüllt, sprang sie auf die Beine. Sie zog das Schwert ihres Vaters unter den Decken seines Bettes hervor und rannte mit einem Kampfschrei auf das Monster zu. Dieses war von ihrem Angriff einen Moment überrascht. Antonia holte mit dem Schwert aus und schnitt ihrem Gegner das Gesicht von der Stirn bis zum Kinn auf.

Ein Schwall schwarzen Blutes ergoss sich über dem Lager ihres Ehemannes. Das Monster schrie auf. Wie von unsichtbaren Seilen gezogen, erhob sich die Kreatur und bedeckte ihr Antlitz mit den Pranken.

Das Schwert fest in beiden Händen haltend, wich sie weiter zurück. Sie würde das Monster töten, auch wenn es ihr eigenes Leben kosten sollte.

Der Schrei des Monsters wurde zu einem tiefen Knurren, das Antonias gesamten Leib zum Zittern brachte. Die rot glühenden Augen erfassten sie. Unmenschliche Wut zeichnete sich in diesen teuflischen Augen ab.

»Du hast es gewagt, mich anzugreifen!«, fauchte er mit einer dunklen Stimme. »Das wirst du mit deinem Leben bezahlen!«

Der Dämon bewegte sich so schnell, dass sie ihm nicht folgen konnte. Gerade stand er noch neben dem Lager ihres Gemahls, und einen Wimpernschlag später hatte er sie an den Armen gepackt. Ihr fiel das Schwert aus der Hand. Der Dämon riss sein Maul auf. Blitzschnell senkte sich der Kopf nach unten und biss zu. Seine Fänge gruben sich tief in ihr Fleisch. Der Schmerz strahlte hell durch ihren Körper. Antonia schrie auf. Mit aller Kraft versuchte sie sich aus dem Griff des Dämons zu befreien, doch er drückte sie nur noch fester an sich. Seine Arme fühlte sich wie Ketten an, die jede Bewegung unmöglich machten.

Allmählich erstarb der Schrei in ihrer Kehle. Sie schmeckte Kupfer und Salz. Ihr eigenes Blut blubberte auf ihrer Zunge. Der Dämon ließ sie langsam auf den Boden sinken, ohne dabei von ihr abzulassen. Sie spürte jeden seiner Atemzüge. Immer wieder schluckte der Dämon und sog noch mehr Blut aus ihrem Körper. Es fühlte sich an, als würde sie austrocknen. Die feuchte, kalte Haut des Dämons drückte sich immer enger an ihr Gesicht. Etwas floss von der Wunde an seinem Kopf herunter und tropfte in ihren Mund. Wie Feuer brannte sich diese Flüssigkeit einen Weg über ihre Zunge hinunter in den Hals.

Der Dämon drückte sie schließlich auf den Holzboden. Seine Klaue wanderte an ihrem Körper nach vorn und drückte sich auf ihre Brust. Ein Zischen drang an Antonias Ohren. Ihr benommener Geist nahm den Geruch von verbranntem Fleisch wahr. Gleichzeitig stieß sich der Dämon von ihr ab. Abermals schrie er auf und hielt sich seine Pranke. Blut floss an seinem Kinn herab. Seine abscheuliche Fratze war noch von der Verletzung mit dem Schwert entstellt. Sie konnte ihren Augen kaum trauen, als diese schreckliche Wunde jetzt zu heilen begann. Doch die dünnen Rauchfahnen, die von den Krallen des Monsters aufstiegen, zogen ihren Blick nach unten.

Jede Bewegung bereitete ihr Qualen. Ihr Hals brannte. Ihr Körper fühlte sich ausgelaugt und vertrocknet an. Dennoch rann etwas ihrem Hals hinab, dass dort eine Spur aus Feuer hinterließ. Es fraß sich innerhalb weniger Wimperschläge mehr und mehr in ihren Leib hinein.

Sie wollte schreien und um sich schlagen, doch ihren Gliedern fehlte die Kraft, sich zu rühren.

Der Dämon war in einer anderen Ecke der Dachkammer zusammengesunken. Noch immer hielt er sich die rauchende Klaue und knurrte wütend. Es kostete Antonia all ihre Energie, den Kopf zu drehen. Ein beißender Schmerz in ihrem Hals ließ sie jedoch gleich wieder innehalten.

Der Dämon fauchte. Schließlich sah er sie wieder an.

»Das wirst du mir büßen!«

Antonias zitternde Hand tastete an ihrer Seite hinauf bis zur Brust. Sie hatte kaum noch Gefühl im Körper, obwohl ihr Innerstes in Flammen stand. Antonias Fingerspitzen glitten suchend über das Kleid, bis sie auf einen kleinen metallischen Gegenstand stieß. Das kühle Silber erfüllte ihre Fingerkuppen mit einer Reaktion.

Das war das Kreuz, das ihr Ehemann ihr zur Vermählung geschenkt hatte. Dieses Kruzifix bestand aus reinem Silber und war geweiht worden.

Genau dieses Schmuckstück musste die Pranke des Dämons verwundet haben.

Der Dämon erhob sich, kaum dass seine Hand aufgehört hatte zu rauchen. Seine Augen glühten förmlich vor Wut.

»Dafür werde ich deine Familie umbringen und du wirst zusehen!« Beim Sprechen verzogen sich seine Gesichtszüge zu einer bösartigen Fratze. Von der Wunde, die sie ihm zugefügt hatte, war nur noch eine helle Narbe zu sehen.

Sie wollte um Hilfe rufen, sie wollte schreien, so laut sie nur konnte, als sich der Dämon ihrem schlafenden Ehegatten zuwandte, doch aus ihrem Mund drang nicht ein Ton. Das Feuer in ihrem Inneren lähmte sie und quälte sie gleichzeitig wie die Flammen der Hölle.

Der Dämon beugte sich über ihren Mann. Er öffnete sein Maul. Von den spitzen Zähnen tropfte noch etwas von ihrem Blut herab. Wie ein Raubtier schoss der Dämon hinunter und biss zu. Der Leib ihres Gatten zuckte noch einmal, dann wurde er still.

Sie wehrte sich mit aller Macht gegen die lähmende Kraft, die ihren Körper niederstreckte. Sie hörte Knochen knacken, als der Dämon immer fester zubiss. Seine knorrigen Finger formten sich erneut zu Klauen. Der Dämon hob die rechte Pranke, bis die bleiche Haut ins Licht des Mondes getaucht war. Die Krallen schnellte wie zuvor der Kopf herunter und grub sich mit einem entsetzlichen knackenden Geräusch in die Brust ihres Gemahls.

Da hob der Dämon sein Haupt und zog die Hand aus dem toten Körper. Ein Klumpen Fleisch lag in seiner Hand. Der Dämon lachte wie der Teufel persönlich, als er den Fleischklumpen zu Boden warf.

Antonia spürte die Galle in ihrer Kehle aufsteigen, als sie das schlagende Herz auf dem Holzboden sah.

Der Dämon, dessen Hand eine blutige Spur auf den Dielen hinterließ, kroch auf allen vieren zu ihrer Mutter hinüber. Die Verzweiflung verlieh Antonia die Energie, den Kopf zu drehen und sich auf die Seite zu legen. Dennoch konnte sie nichts tun, als sich der Dämon auf ihre Mutter stürzte und auch ihr das Herz aus dem Leib riss, nachdem er sich an ihr gesättigt hatte.

Tränen brannten heiß in ihren Augen. Die Flammen, die sich noch immer durch ihren Körper fraßen, waren schon vergessen. Der Dämon beugte sich nun über den schlafenden Leib ihres Vaters. Seine roten Augen schauten noch einmal zu ihr, dann schoss der Dämon herunter auf sein nächstes Opfer. Er biss mit so viel Kraft zu, dass der Hals mit nur einem Biss durchtrennt wurde. Blut quoll aus der tiefen Wunde.

Der Schock betäubte das Feuer in ihrem Inneren. Mit aller Kraft stemmte Antonia die Hände unter sich auf den Boden. Etwas Warmes rann zwischen ihren Fingern hindurch.

Der Dämon hingegen genoss sichtlich seinen Blutrausch und trank immer mehr. Seine Bewegungen wurden derweil immer behäbiger.

Als er schließlich von ihrem Vater abließ, war sein Gesicht über und über mit Blut verschmiert. Ein höhnisches Lachen drang aus dem Maul. Doch plötzlich hielt der Dämon inne und schnupperte.

Sie hielt den Atem an, als er sich langsam zu der Holztruhe umdrehte, unter der sich die geheime Kammer mit ihrer Tochter befand. Der Dämon schaute die Truhe genau an. Ein heiseres Gelächter voller Vorfreude kroch über seine Lippen.

Blanke Panik stieg in ihr auf.

Der Dämon würde nicht auch noch ihr Kind bekommen! Auf keinen Fall würde er ihr auch noch das letzte Mitglied ihrer Familie rauben!

»Nein!«

Antonia wusste nicht, woher sie die Kraft nahm, aber sie schaffte es, sich aufzurichten und das Schwert wieder in die Hand zu nehmen. Der Dämon blickte mit einem überheblichen Grinsen zu ihr. Er konnte nicht glauben, dass sie eine Bedrohung für ihn sein sollte. Doch sie würde um ihre Tochter kämpfen.

Antonia schloss beide Hände um die Waffe und stürzte sich auf den Dämon. Seine jetzt langsameren Bewegungen waren ihr Vorteil. Entschlossen dieses Monster zur Strecke zu bringen, rammte sie ihm das Schwert in den Bauch, bis das Heft seine Haut berührte. Der Dämon röchelte, doch für sie klang es mehr wie ein Lachen.

Blitzschnell schossen seine Klauen nach vorn und stießen sie zurück. Sie flog durch die Dachkammer, bis sie mit dem Rücken an die Wand prallte. Benommen sah sie, wie sich der Dämon das Schwert aus der Brust zog und zur Seite warf.

»Du gehst mir auf die Nerven!«, fauchte er.

Während sie noch versuchte ihre Arme und Beine wieder zu bewegen, glitt der Dämon beinahe lautlos durch die Kammer, bis er in der Mitte des Raumes stehen blieb. Er schnippte einmal mit dem Finger und wie von Geisterhand erschien eine winzige Flamme über seinem Daumen. Der Dämon betrachtete die Flamme mit finsterer Vorfreude. Langsam beugte er sich nach unten. Das Feuer griff in Windeseile auf den Boden über und fraß sich durch das Stroh der Lager.

Der Dämon lachte. Vom Schein des Brandes beleuchtet, sah sie sein Gesicht und die Hand, in der sich die Umrisse ihres Kreuzes eingebrannt hatten.

»Viel Spaß in der Hölle!«, knurrte er. Mit fließenden Bewegungen glitt er durch die Flammen hindurch, als könnten sie ihm nichts anhaben. Dann sprang er durch das Fenster und war verschwunden.

Antonia spürte das Brennen in ihrem Inneren überdeutlich. Die Hitze des Feuers um sie herum wurde immer schlimmer. Sie musste aufstehen und ihre Tochter aus dem Versteck holen, sonst würden sie beide hier drin sterben.

Auf allen vieren kroch sie auf die Holztruhe zu. Mit aller Kraft hielt sie sich davon ab, zur Seite zu sehen. Dann würde sie nur die toten Körper ihrer Eltern sehen und keine Energie mehr haben, um weiterzumachen.

Sie hustet. Rauch und Tränen brannten in ihren Augen, während sie sich an der Truhe nach oben zog. Ihre Arme schmerzten, als sie die Truhe beiseite stieß. Sie riss die Holzbretter aus dem Boden und blickte in den kleinen Hohlraum.

Marie bewegte sich in der Decke. Sie war dabei, wieder aufzuwachen. Der Zauber musste mit dem Dämon verschwunden sein.

Von draußen waren die ersten Schreie der Dorfbewohner zu hören. Schon bald würden sie das Haus umstellt haben, um es zu löschen. Sie mussten verschwinden und ihre Tochter in Sicherheit bringen, bevor sie beide im Feuer starben.

Jeder Teil ihres Körpers schmerzte, als sie sich nach unten beugte und ihre Tochter aus der Kammer hob. Ein Teil von ihr wunderte sich noch, warum Marie auf einmal so viel leichter war als vorher. Die Flammen schlugen höher. Schon bald würden sie den Dachstuhl erreichen. Sie musste aus dem Haus raus, bevor die brennenden Bruchstücke des Daches sie und ihre Tochter erschlugen.

Die Flammen hatten bereits die Leiter erfasst. Auf diesem Weg kam sie also nicht mehr hinaus.

Das Atmen wurde immer schwerer. Voller Verzweiflung drückte sie Marie an ihre Brust um sie vor der Hitze, dem Rauch und den Flammen zu schützen. Es blieb ihr nur noch das Fenster, um aus dem Haus zu kommen. Doch einen Sprung aus dieser Höhe würde sie niemals überleben. Noch einmal sah sie zu ihrer Tochter.

Als sie das kleine Gesicht des Kindes sah, fasste sie einen Entschluss. Sie würde sich selbst opfern, um ihre Tochter zu retten. Die Leute aus dem Dorf würden sich um sie kümmern. Marie würde leben.

Wild entschlossen, den Schmerz in ihrem Körper zu ignorieren, stolperte sie durch das Feuer hindurch. Die Flammen griffen nach ihrem Kleid. Der brennende Schmerz des Feuers fraß sich durch ihre Beine und Arme. Mit letzter Kraft konnte sie sich zum Fenster schleppen und sprang hinaus, wie es der Dämon zuvor getan hatte.

Doch anstatt nach unten zu stürzen, sah sie den Boden langsam auf sich zukommen. Es kam ihr so vor, als hätte sie alle Zeit der Welt, um die Füße im richtigen Moment auszustrecken und sich abzurollen. Als sie schließlich auf dem Rücken im Schlamm lag, sah sie nach oben auf das brennende Haus ihrer Eltern. Sie konnte nicht glauben, dass sie noch lebte. Auch ihre Schmerzen ließen nach.

Was war nur los? Warum ging es ihr immer besser? Sie müsste doch tot sein?

Ein unglaublich köstlicher Geruch drang ihr mit einem Mal in die Nase. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Verwundert sah sie sich nach der Quelle dieses herrlichen Duftes um. Als sie zum nächsten Lehmhaus auf der Straße schaute, konnte sie das Gebäude so deutlich erkennen, als wäre es taghell und nicht mitten in der Nacht. Dass sie sich aufgesetzt hatte, merkte sie erst, als das Bündel in ihren Armen nach unten rutschte.

Instinktiv packte sie das warme Knäuel fester. Vorsichtig drückte sie die Decke zur Seite, um ihre Tochter zu sehen. Doch kaum, dass der Stoff aus dem Weg war, strömte ihr ein exquisiter Duft entgegen und benebelte ihre Sinne. Der kleine Mensch in ihren Armen schlief. Ihre Tochter würde nicht kämpfen können. Antonia musste nur zubeißen und schon würde ihr gewaltiger Hunger gestillt sein.

Ein Fauchen drang über ihre Lippen. Dieses unmenschliche Geräusch riss sie aus ihrer Trance.

Was um alles in der Welt war nur geschehen? Um Gottes willen! Beinahe hätte sie ihre eigene Tochter getötet!

Mit zitternden Fingern hob sie eine Hand und tastete nach ihren Zähnen.

Sie erstarrte vor Schreck, als sie die langen Fänge in ihrem Mund ertastete. Zwei waren länger geworden, so wie bei dem Dämon!

Er hatte sie zu einem der seinen gemacht!

Weitere Stimmen erklangen in ihrer Nähe.

Antonia war noch immer von dem Schock wie gelähmt. Die Dorfbewohner würden sie als ein Monster verteufeln und jagen! Und sie würden ihre Tochter verstoßen und töten, um sich zu schützen.

In heller Panik rappelte sie sich auf und rannte los. Bald schon berührten ihre Füße kaum mehr den Boden. Sie schien durch das Dorf zu fliegen. Der Wind jedoch wehte ihr den köstlichen Duft ihrer Tochter wieder in ihre Nase. Der Hunger wuchs erneut.

Mit einem Mal blieb sie stehen.

Sie durfte nicht bei ihrer Tochter bleiben. Nicht wenn dieser teuflische Drang sie zu einem Tier machte.

Das Rauschen der Spree war für einen Moment das einzige Geräusch auf der Lichtung. Nicht einmal die Bäume regten sich im Luftzug. Als würde der Wald den Atem anhalten.

Was sollte sie nur tun? Sie musste ihre Tochter beschützen! Das leise Kichern bemerkte sie erst nach ein paar Sekunden. Dort vorn war irgendwer. Jemand, dem sie ihre Tochter anvertrauen konnte, bis sie ihren Hunger unter Kontrolle hatte.

Wie von allein trugen ihre Füße sie den Klängen entgegen. Nach wenigen Metern hatte sie das Flussufer erreicht. Im blauen Licht des Mondes tollten einige Flussnymphen im Wasser. An dieser Stelle war der Fluss seichter. Die grazilen Frauen standen nur knietief in der Strömung. Ihre Haut strahlte im Mondlicht bläulicher und reiner als sonst. Das Haar klebte ihnen nass auf dem Rücken. Sie tobten unbeschwert umher und spritzen sich gegenseitig Flusswasser ins Gesicht. Es schien, als wären diese Geschöpfe in ihrer eigenen Welt gefangen.

Antonia trat noch einen Schritt näher. Die Flussnymphen drehten sich zu ihr herum. Angst spiegelte sich auf den schönen Gesichtszügen. Sie wollte lieber nicht wissen, wie sie nun aussah. Sie spürte das viele Blut auf ihrer Haut und die Verletzungen der Flammen.

»Verschwinde, Blutsauger!«, rief eine der Nymphen ihr zu.

Die sanften Wesen zeigten plötzlich eine ganz andere Seite. Sie fauchten und knurrten Antonia an.

»Bitte«, hauchte sie voller Verzweiflung. Diese zarten Gestalten waren ihre letzte Hoffnung. »Bitte nehmt mein Kind. Ich fürchte, ich werde ihr sonst wehtun.«

Wie um ihr Flehen zu unterstreichen, streckte sie die Hände nach vorn aus. Marie steckte noch immer in der Decke und lag verletzlich in ihren Händen.

Die Nymphen sahen zwischen ihr und Marie hin und her. Sie zögerten.

Antonia legte ihre Tochter ans Ufer, wo das Wasser sie keinesfalls erreichen konnte.

»Bitte«, wiederholte sie noch einmal und spürte erneut die Tränen der Verzweiflung in ihren Augen brennen. »Sie ist mein Ein und Alles.«

Gemächlich zog sie sich vom Flussufer zurück, obwohl es ihr das Herz brach. Doch die Flussnymphen näherten sich dem schlafenden Kind. Behutsam befreiten sie es schließlich aus dem Stoff. Eine von ihnen hob die Kleine hoch, um sie auf die Arme zu nehmen, während das Kind langsam erwachte. Die anderen Nymphen scharrten sich um das Kleinkind. Sie strichen ihr durch das Haar und sprachen leise mit ihr.

Antonia jedoch lief weiter vom Fluss weg. Heiße Tränen rannen über ihr Gesicht, als sie sich letztlich gänzlich von der Spree sowie ihrem Kind abwandte und losrannte, so schnell sie ihre Beine trugen. Sie rannte in die Dunkelheit hinein, bis der Wind ihre Tränen trocknete.