Gratulation!

 

Du bist in Besitz eines der wenigen Freibriefe gekommen, welche dir den Weg zu diesem Geheimnis offenbaren. Ein großes Glück für dich, denn nur wenige Menschen kommen in diesen Genuss und du gehörst nun offiziel auch zu diesem kleinen Kreis. Aber nun will ich dich nicht länger auf die Folter spannen. Untenstehend findest du die Geschichte über Antonias Abenteuer in Spanien und ihre Begegnung mit der spanischen Inquisition.

 

 

Recht und Ordnung

 

Sevilla in Kastilien/ 17. Juni 1525

 

»Warum sind wir hier?«, fragte Antonia und schaute hinüber zu Konstantin. Er hatte sich einen Mantel mit Kapuze über geworfen und lehnte nun im Schatten eines Wohnhauses. Auch Antonia trug einen solchen Mantel, obwohl es Sommer war und sie schon schwitzte. Dazu kam noch der Geruch der vielen Menschen. Es roch nach Blut und Schweiß, vermischt mit dem salzigen Geruch des Meeres. Kreischende Möven zogen ihre Bahnen über der Stadt, getragen vom warmen Wind, der vom Meer her wehte.

Aber sonst war es in der Stadt alles andere als friedlich. Die Dienstmänner der spanischen Inquisition streiften durch die Stadt und versetzten die Menschen in Panik. Immer wieder brachen sie in Häuser ein und zerrten junge Frauen auf die Straße, die dann laut um Hilfe schrien, aber niemand unternahm etwas.

Antonia hatte sich schon vor langer Zeit von den Irrwegen der Menschen distanziert, aber das galt leider nicht für Konstantin. Sie war überglücklich wieder mit ihm zusammen durch die Welt zu ziehen, seit er sie vor einigen Jahren vor einem Schwarm hungriger Harpiyen gerettet hatte. Als dank hatte sie ihm geschworen für ganze 200 Jahre nicht mehr an ihre Rache zu denken und ihm zu folgen, wohin der Weg auch führen mochte.

So kam es nun, dass sie hier war und sich noch immer fragte, warum.

Sie stand mit Konstantin in einer schmalen Gasse zwischen zwei Häusern. Vor ihnen lag die Hauptstraße, die schon angefüllt war mit Menschen. Die meisten von ihnen drängten sich um einen Karren, der zu einem rollenden Käfig umgebaut worden war. Drei junge Frauen drängten sich in dem Käfig aneinander. Antonia konnte ihre Angst durch die Menge hindurch riechen. Aber was sie ebenso deutlich wahrnahm, war die Verachtung der anderen Menschen, welche die Frauen im Käfig beschimpften.

Sie sollten Hexen sein, so lautete zumindest die Anklage der Inquisition. Aber Antonia musste nicht mal ihre Sinne in Anspruch nehmen, um festzustellen, dass diese drei beschuldigten Frauen keine Hexen waren. Magie hatte einen ganz eigenen Duft, der bei Vampiren in der Nase kribbelte. Antonia bezweifelte, dass es in dieser Stadt überhaupt eine Hexe gab.

»Siehst du diesen Mann?«, fragte Konstantin zurück und wies mit einem Kopfnicken zu einem älteren Mann, der, in eine amtliche Robe gehüllt, eines der Häuser betrat, aus der gerade eine Frau gezerrt worden war.

»Was ist mit ihm?«, fragte Antonia zurück. Das alles langweilte sie tödlich.

»Er stellt den Wert aller weltlichen Besitztümer der Angeklagten fest«, erklärte Konstantin. »Wenn die Angeklagten für schuldig erklärt werden, dann wird ihr gesamtes Vermögen der Inquisition zugeschrieben. Und die Angehörigen müssen auch noch die Kosten für den Prozess und die Vollstreckung des Urteils tragen.«

»Es liegt in der Natur der Menschen, sich das Leben so schwer wie möglich zu machen«, meinte Antonia nur dazu. »Ich verstehe, dass du dich für das Schicksal von Sevilla interessierst, schließlich ist es deine alte Heimat. Aber warum sind wir hier? Willst du gegen die spanische Inquisition kämpfen? In dem Fall muss ich mich leider verabschieden, denn ich will noch nicht sterben.«

Konstantin schaute sie mit einem Lächeln an, das ihre Knie weich werden ließ.

»Keine Sorge, so verrückt bin ich nicht. Wir sind hier, weil wir eine Frau aus der Stadt bringen müssen.«

Damit drehte er sich auch schon von der Hauptstraße weg und wandte sich der Gasse zu.

»Welche Frau?«, fragte Antonia.

Aber Konstantin nahm schon Anlauf und sprang auf einen alten Schuppen hinauf. Von dort sprang er weiter nach oben, hielt sich an der Dachkante fest und zog sich auf das Dach. Antonia seufzte. Konstantin schaffte es seit einigen Jahren sie sowohl in den Wahnsinn zu treiben, als auch völlig willenlos zu machen.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm auf das Dach zu folgen. Auf den roten Dachziegeln zu stehen, war schwieriger als Antonia gedacht hatte, aber sie schaffte es, das Gleichgewicht zu finden.

Konstantin wartete gerade lange genug, sodass sie ihn auf dem Dach finden konnte. Dann nahm er Anlauf und rannte auf die Dachkante zu. Er sprang hoch und landete ziemlich elegant auf dem nächsten Dach. Doch anstatt stehen zu bleiben, rannte er weiter, weg von der Innenstadt nach Norden.

Antonia seufzte wieder.

Schon als sie ihn damals in einem Tempel im heiligen Land gefunden hatte, wusste sie, dass ein Leben mit ihm nicht einfach werden würde. Aber sie kam auch nicht von ihm los.

Sie rannte auf die Dachkante zu und folgte Konstantin über die Dächer und Straßen von Sevilla hinweg.

Nach einigen Kilometern sprang Konstantin vom Dach herunter. Antonia folgte ihm und landete in einer weiteren Gasse. Der Staub wirbelte umher, aber hier war es schon deutlich ruhiger als in der Innenstadt. Konstantin gab ihr ein Zeichen leise zu sein und schlich sich zum Ende der Gasse. Dort schaute er vorsichtig um die Ecke. An seiner Haltung konnte sie erkennen, dass ihm nicht gefiel, was er sah.

Und sie sollte recht behalten.

Konstantin schaute nur kurz über seine Schulter zu ihr. Hektisch signalisierte er ihr, dass sie ihm folgen sollte, dann rannte er auch schon auf die Straße hinaus. Genau auf die verkohlten Überreste eines abgebrannten Hauses. Die Tür hatte jemand aufgebrochen, aber schon von der Straße aus konnte Antonia durch die Fenster ins Innere des Hauses schauen. Dort war alles verbrannt. Selbst das Dach war weg, denn die Innenräume waren in helles Sonnenlicht getaucht.

Dennoch trat Konstantin die Tür ein und bahnte sich einen Weg durch die verbrannten Trümmer. Antonia unterdrückte den Fluch, der ihr schon auf der Zunge lag, und folgte ihrem Gefährten in das verbrannte Haus. Überall roch es nach Rauch und verbranntem Holz. Aber so sehr sich Antonia auch konzentrierte, konnte sie keinen Geruch von verbranntem Fleisch ausmachen. Was auch immer hier passiert war, es war kein Mensch im Haus, als es jemand in Brand gesteckt hatte.

»Sie war nicht mehr hier«, sprach Konstantin Antonias Vermutungen aus.

»Ob sie aus der Stadt geflohen ist?«, fragte Antonia weiter und schaute sich unter den wenigen Habseligkeiten um, die noch zu erkennen waren. Ein paar Schüsseln und die Reste eines Tisches, der während des Brandes zusammengebrochen war. Eine Kaminstelle mit einem alten Kessel war noch zu erkennen.

»Nein. Draußen konnte ich den Geruch der Vollstreckungsbeamten wahrnehmen«, erklärte Konstantin.

Antonia hatte nicht darauf geachtet. Vermutlich, weil Sie sich schon seit langer Zeit nicht mehr für Menschen interessierte. Ihre eigenen Nachkommen bildeten da eine Ausnahme.

»Aber wenn sie von der Inquisition verhaftet wurde, warum haben die dann ihr Haus in Brand gesteckt?«, fragte Antonia und sah sich weiter in den einzelnen Räumen um. Wenn es hier Wertsachen gegeben hatte, waren die auch schon verbrannt. »Wenn sich diese Leute am Wohlstand ihrer Angeklagten bereichern wollen, warum haben sie dann dieses Haus in abgebrannt?«

»Weil niemand erfahren darf, wer hier gelebt hat«, erklärte Konstantin. Er wirkte immer frustrierter, je länger er sich umsah. »Ich bin sicher, es wird auch keine Aufzeichnungen über ihre Verhaftung geben. Sie wird einfach verschwinden und nie wieder auftauchen. Verdammt, warum hat sie mir nicht früher Bescheid gesagt?«

»Also gut! Wer hat hier gelebt? Und wehe du weichst mir wieder aus!«, forderte Antonia ihn auf. Sie hatte endgültig genug von seiner Geheimniskrämerei.

Konstantin sah sie an und ließ die Schultern hängen. Der strenge Blick, denn Antonia einst an ihrer Tochter hatte perfektionieren können, funktionierte auch bei einem so alten Vampir wie Konstantin.

»Ihr Name ist Kassandra«, gestand er. »Und sie ist ein Mensch. Einer mit ganz besonderen Fähigkeiten.«

»Also eine Hexe?«

»Nicht ganz. Sie ist ein Orakel«, fuhr Konstantin fort.

Das brachte Antonia jetzt doch zum Staunen. Orakel gab es viele auf der Welt und die meisten lebten in Höhlen unter der Erde, um mit den Geistern der Vorfahren zu sprechen. Wieder andere hatten sich am Fuße eines Vulkans niedergelassen und benutzten seine Dämpfe, um mit Göttern zu sprechen und wieder andere nutzten für diese Kommunikation Feuer und Kräuter. Orakel waren sehr mächtig und angesehen. Man musste viel Geld bezahlen und einige Mühen auf sich nehmen, um mit dem Orakel sprechen zu können. Aber dieses Haus sah nicht so aus, als würde hier ein mächtiges und wohlhabendes Orakel leben. Was hatte es nur mit diesem Orakel auf sich?

»Bist du dir da auch sicher?«, fragte Antonia noch einmal und schaute sich demonstrativ in dem Haus um, das eindeutig zum Armenviertel der Stadt gehörte. Hier hatten auch keine Priester gelebt, die sich um die Gäste des Orakels gekümmert hatten.

»Ja, absolut«, bestätigte Konstantin ihr. »Kassandra wurde einst von den Göttern beschenkt und verflucht, zu einem Dasein als Seherin, der niemand glauben schenkte.«

Das kam Antonia doch bekannt vor. Sie kannte die Geschichte aus ihrer Zeit in Athen. Aber wenn sie sich richtig erinnerte, lag diese Geschichte sehr viele Jahrhunderte zurück. Konstantin musste ihren Gesichtsausdruck gesehen haben, denn ein wissendes Lächeln schlich sich auf seine Züge.

»Ich sagte doch, Kassandra ist ein ganz besonderer Mensch.«

Ein Mensch, der nicht nur in die Zukunft sehen konnte, sondern auch noch unsterblich war, ohne dabei zu einem Monster zu werden! Das war in der Tat unglaublich. Und auch ein wunderbarer Grund um diese Frau zu entführen.

»Und wie stehst du mit ihr in Kontakt?«, fragte Antonia weiter, denn das wollte sich ihr einfach nicht erschließen.

Konstantin setzte schon zu einer Antwort an, als von draußen die Stimmen von Männern zu hören waren. Blitzschnell war Antonia hinter der Wand neben der Tür verschwunden und drückte sich an die verkohlten Überreste. Der Gestank von Menschen stieg ihr in die Nase. Die hatten sich eindeutig schon seit einer ganzen Weile nicht mehr gewaschen.

Antonia schaute zu Konstantin herüber, der ebenfalls neben der Tür in Deckung gegangen war. Kurz nickte sie ihm zu, mehr war nicht nötig.

Die Männer kamen näher. Antonia konnte ihre Nähe förmlich spüren. All ihre Sinne waren nur noch auf ein Ziel ausgerichtet. Beute fangen.

Mit gebläkten Fängen stürmte sie hinaus und riss den ersten bulligen Mann zu Boden. Durch den harten Stoß verlor der Kerl sofort das Bewusstsein. Antonia schaute auf in die Gesichter zweier anderer verdutzter Männer, die nicht glauben konnten, was sie da sahen. Aber das spielte für Antonia keine Rolle. Was kümmerten sie schon ein paar Menschen.

»Antonia! Warte!«, schrie Konstantin hinter ihr.

Aber Antonia würde nicht warten. Sie hatte die Nase voll sich vor den Menschen zu verstecken und Rücksicht nehmen zu müssen. Sie waren hier her gekommen um eine Frau zu retten, die Konstantin etwas bedeutete und Antonia würde sich nicht länger mit Geplänkel und Spurensuche aufhalten. Das es noch einen anderen Grund gab, der sie so aufbrachte, wollte sie im Moment lieber nicht ergründen.

Stattdessen sprang sie den Mann an, der direkt neben ihr stand und schon zu dem Schwert an seinem Gürtel greifen wollte. Sie brach ihm das Genick, noch bevor sein Wanst auf den Boden traf. Der dritte stand nun zitternd auf der Straße. Antonia konnte den leichten Geruch von Urin wahrnehmen. Sie gab bestimmt ein furchtbares Bild ab.

Der Kerl lies sein Schwert fallen und rannte die Straße hinunter.

Antonia fackelte nicht lange. Ihre Beute ergriff die Flucht und sie würde sie nicht entkommen lassen.

»Bleib stehen!«, schrie Konstantin hinter ihr, aber sie konnte nicht mehr auf ihn hören. Ihre Instinkte hatten schon vollkommen Besitz von ihr ergriffen. Sie erhob sich und rannte dem flüchtenden Mann hinterher. Mehrere Menschen auf der Straße schrien auf und ergriffen die Flucht, aber Antonia konnte nur noch ihre Beute sehen. Der panische Mann bog um eine Ecke. Antonia rannte ihm hinterher.

Doch als sie um die Ecke kam, erwartete sie eine Wand von Männern. Alle in der Uniform der spanischen Inquisition. Noch bevor Antonia etwas unternehmen konnte, flogen Netze durch die Luft, gefolgt von dicken Seilen. Binnen weniger Sekunden war sie unter mehreren Netzen begraben und wurde auch noch mit dicken Seilen umschlungen.

Sie war bewegungsunfähig und auch noch am Boden gefesselt. Noch schlimmer konnte es eigentlich nicht mehr kommen.

 

Es konnte schlimmer kommen. Antonia war in eine Kerkerzelle gebracht worden, die sich wohl unter einem Berg befand. Zumindest kam es ihr so vor. Denn nachdem sie von den Männern der Inquisition von der Straße aufgesammelt worden war, hatte man sie hier runter gebracht. In einen ganzen Trakt aus Kerkerzellen, deren Eingang unter der Kathedrale war. Dieser beeindruckende Bau mitten in der Stadt, war erst vor wenigen Jahren fertiggestellt worden. Antonia bezweifelte allerdings, dass irgendein Bewohner wusste, dass es an der hinteren Seite der Kathedrale einen geheimen Eingang gab, der hier runter führte. Oder das andere Angeklagte der Inquisition hier her gebracht wurden.

Antonia lies den Kopf nach hinten fallen, bis sie an die nackte Steinwand stieß. Ihre Kerkerzelle war nicht mehr als eine Höhle, deren einziger Zugang mit einem massiven Gitter verschlossen war. Fackeln hingen an einfachen Stahlhalterungen an der Wand.

Wenn sie hier jemals rauskam, musste sie sich als erstes bei Konstantin entschuldigen. Aber sie war so wütend gewesen, das es eine Frau in seinem Leben gab, die ihm mehr bedeutete als sie selbst. Und das musste sie, wenn er es für sie mit der spanischen Inquisition aufnahm.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Antonia hatte Konstantin zwar das Leben gerettet, aber das war auch schon alles. Sie konnte jetzt nur noch hoffen, dass er nicht sauer auf sie war und die Frau finden, der er helfen wollte. Diese Frau, die eine Seherin war. Ein Orakel.

Schritte erklangen vor dem Kerker.

Die Vorführung ging also los.

Antonia erhob sich, um, wem auch immer, mit erhobenem Haupt entgegen zu treten. Irgendein Mann kam da zu ihr und wollte sich offenbar vor ihr aufspielen. Aber dem würde sie die Suppe versalzen.

Ein Mann in einer aufwendigen Robe trat vor den Kerker. Er war alt, doch seine Augen zeugten von einer bösartigen Intelligenz.

Irgendwo hatte sie den Mann doch schon mal gesehen.

»Du hast in meiner Stadt für sehr viel Aufregung gesorgt«, begann der Mann in einem hochmütigen Tonfall. »Das kann ich nicht zulassen. Es ist schließlich meine Aufgabe, hier für Recht und Ordnung zu sorgen.«

Jetzt dämmerte es Antonia. Die amtliche Kleidung und die Schärpe. Sie hatte diesen Mann wirklich schon einmal gesehen. Bei einer Verbrennung von angeblichen Hexen in Barcelona.

»Was verschafft mir denn die Ehre, dass der Großinquisitor mich persönlich besucht?«, fragte Antonia bemüht gelassen zurück.

Der Großinquisitor lachte allerdings nur. »Die Beweggründe eines Mannes sind zu komplex, als das eine Frau sie verstehen könnte. Wichtig ist nur, dass du weißt, dass dein Tod von Bedeutung sein wird.«

Das konnte Antonia sich gut vorstellen. Sie riss die Ketten, die sie an der Wand festhielten, aus ihrer Verankerung und trat bis an das Gitter heran. Auf dem Gesicht des Großinquisitors war ein Schreck zu sehen. Er wich einen Schritt zurück.

»Lass mich raten«, begann sie und lehnte sich an das Gitter. »Du willst mich, das Monster, öffentlich Hinrichten, damit die Menschen Angst bekommen. Nicht vor dir, sondern vor Wesen wie mir. Du willst die Könige von Spanien und natürlich den Papst persönlich, dazu bringen, dir volle Handlungsfreiheit zu geben. Und um deine Macht weiter auszubauen, hast du dir ein echtes Orakel geschnappt. Mit der Zukunft in deiner Hand und der Angst der Menschen hinter dir wärst du der mächtigste Mann von Spanien. Vielleicht auch bald der gesamten alten Welt.«

Wut flammte in den Augen des Großinquisitors auf.

»Menschen sind ja so vorhersehbar. Besonders Männer«, Antonia lachte ihn aus und trat vom Gitter zurück. »Ihr Männer glaubt immer, ihr wärt so klug, dabei seid ihr so dumm. Ihr macht immer wieder die gleichen Fehler.«

»Halt den Mund, Weib! Du hast nicht das Recht so mit mir zu reden!«, brüllte der Großinquisitor.

»Wie willst du mich denn daran hindern?«, provozierte sie ihn weiter.

Der Großinquisitor wühlte in den Falten seiner Robe. Sicher suchte er nach dem Schlüssel für ihre Zelle. Gleich würde er rein kommen, um sie zu bestrafen und sie würde ihn dann umbringen. Männer waren ja so berechenbar.

Plötzlich tauchte ein Schatten hinter dem Großinquisitor auf. Konstantin erhob sich hinter dem Mann und schlug ihm so kräftig auf den Kopf, dass der Mensch zusammenbrach und reglos am Boden liegen blieb.

Antonia schaute jedoch etwas genervt zu ihrem Gefährten auf.

»Ich hatte ihn schon soweit, dass er für mich aufschließt«, erklärte sie ihm.

Konstantin machte einen großen Schritt über den Bewusstlosen und trat an die Gitterstäbe. »Und wärst du nicht einfach so drauf losgestürmt, anstatt auf mich zu hören, dann wärst du jetzt nicht in dieser Situation.«

Antonia ließ die Schultern hängen. Er hatte ja recht. Wieder einmal war sie ihrem Instinkt gefolgt, statt auf ihren Verstand zu hören. Mit ihrem Auftritt in der Stadt hatte sie die Menschen in Panik versetzt. Und wenn Menschen in Panik waren, taten sie äußerst dumme Dinge. Dinge, die das Leben von Unschuldigen forderte.

»Es tut mir leid«, gestand sie ihm schließlich.

Konstantin streckte die Hand aus und strich über ihre Wange. »Das kriegen wir schon wieder hin.«

Seine Zuversicht war ansteckend, denn mit einem Mal glaubte Antonia, das sie es wirklich schaffen konnten. Wie aussichtslos die Lage in der Stadt auch sein mochte.

Konstantin zog ein kleines Stück Metall aus seiner Tasche und hantierte damit am Schloss ihrer Kerkerzelle herum. Schon nach wenigen Sekunden hatte er das Schloss geöffnet und schob die Tür auf.

Völlig erstaunt schaute Antonia Konstantin an. »Du kannst Schlösser aufbrechen?«

»Ich kann noch sehr viel mehr«, gestand er ihr mit einem Augenzwinkern und trat von der Tür zurück.

»Wo hast du das gelernt?«, fragte Antonia weiter.

»Komm jetzt«, wich er ihr erfolgreich aus. »Ich weiß, wo Kassandra und die anderen Frauen sind.«

Damit rannte er auch schon den engen Korridor hinunter, der noch tiefer unter die Kathedrale führte. Der Schein der Fackeln an den Wänden reichte nicht sonderlich weit. Ihnen blieb also nichts anderes übrig als ihrem Geruchssinn zu vertrauen. Antonia folgte Konstantin über ausgetretene Stufen tiefer in den Untergrund hinein. Es wurde immer heißer und stickiger. Hier unten kam man sich wirklich vor, als würde man in die Hölle absteigen. Vielleicht war das vom Großinquisitor ja beabsichtig worden.

Nach ein paar Metern drang ein widerlicher Gestank zwischen den menschlichen Duftnoten hinauf.

»Was ist das denn?«, fragte Antonia und blieb stehen. Einen solchen Gestank hatte sie noch nie zuvor gerochen. Nicht mal auf den Schlachtfeldern der Kreuzzüge und die waren wirklich groß gewesen.

»Keine Ahnung«, gestand Konstantin ihr. »Aber irgendwas wird wohl die Gefangenen bewachen.«

Dann war dieser Mensch da oben vor ihrer Kerkerzelle doch nicht so dumm gewesen.

Antonia erreichte hinter Konstantin eine große Höhle. Das Gewirr von zarten Stimmen erklang über dem Schnaufen eines großen Tieres. Antonia trat neben Konstantin um einen Blick in die Höhle zu werfen und traute ihren Augen nicht.

Der hintere Teil der Höhle war mit einem Großen Gitter vom vorderen abgetrennt. Dort hinten, in dieser großen Zelle, konnte Antonia mehrere Frauen erkennen, die sich dicht zusammendrängten. All ihre Blicke waren auf das Wesen gerichtet, das vor dem Gitter auf dem Boden lag. Ein solches Wesen hatte Antonia allerdings noch nie gesehen.

Es hatte den Körper eines Löwen und den Stachel eines Skorpions, dort wo der Schwanz sitzen sollte. Das Gesicht des Wesens hatte allerdings menschliche Züge. Als es Antonia und Konstantin entdeckte, hob es den Kopf und schaute sie neugierig an.

»Was ist das?«, fragte Antonia, den Blick nicht von der Kreatur abgewandt.

»Das ist ein Mantikor, aber ich dachte, es gäbe keine mehr«, erklärte Konstantin.

»Das war offensichtlich ein Irrtum.«

Antonia ging an der hinter ihr liegenden Wand weiter in die Höhle hinein. Der Mantikor folgte ihr mit den unheimlichen Augen. Doch nach wenigen Schritten erhob sich das Wesen und stieß einen so lauten Schrei aus, dass der Boden unter Antonia zitterte. Der Mantikor ließ ihr keine Zeit um sich von dem Schrei zu erholen. Er holte mit seinen großen Pranken aus und schlug nach Antonia. Sie brachte sich mit einem Sprung in Sicherheit. Die Pranke des Wesens schlug in die Felswand und löste dort einige Brocken, die so groß waren wie Antonias Kopf.

Dieses Wesen zu besiegen würde nicht einfach sein.

Der Mantikor schaute über die Schulter zu ihr. Wut spiegelte sich in seinen Augen. Er wedelte mit seinem stachelartigen Schwanz wie eine Peitsche in ihre Richtung. Aus der Stachelspitze lösten sich lauter dünne Pfeile.

Antonia rollte sich über den Boden und entging so nur knapp den Pfeilen. Es zischte, wo die Pfeile in den Steinboden einschlugen. Die Pfeile waren auch noch vergiftet!

Konstantin tauchte wie aus dem Nichts hinter dem Mantikor auf und sprang auf dessen Rücken. Die Kreatur wehrte sich und bockte wie ein Stier. Bis zur Decke der Höhle war es allerdings nicht mehr weit. Das Ding konnte Konstantin so ganz leicht zerquetschen! Sie musste ihm helfen!

»Rette die Frauen!«, schrie Konstantin ihr zu, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

Antonia zögerte. Es war offensichtlich, das er Hilfe brauchte, aber keine wollte. Was sollte sie nur tun?

Als sie das letzte mal nicht auf ihn gehört hatte, war sie in einer Kerkerzelle gelandet und hatte eine ganze Stadt in Gefahr gebracht. Das sollte nicht noch einmal passieren. Also drehte sich Antonia zu der großen Gittertür um. An die einhundert Frauen drängten sich dahinter so dicht aneinander, das sie bald keine Luft mehr bekommen würden. Aber die Angst in ihren Gesichtern war so groß, das ihnen der Luftmangel wohl egal war.

Antonia trat an die Tür und betrachtete das Schloss. Sie hatte keine Ahnung wie sie das massive Vorhängeschloss ohne einen Schlüssel aufschließen sollte. Wieder wackelte der Boden, lautes poltern warn zu hören und ein Schrei, der Antonia durch Mark und Bein ging. Sie durfte hier nicht länger Zeit verlieren.

Entschlossen packte sie das Schloss und zog mit aller Kraft daran, bis es zerbrach. Erleichtert zog sie die Tür auf und schaute die Frauen in der Zelle an. Aber die rührten sich vor lauter Angst noch immer nicht.

»Ihr seid frei! Verschwindet lieber schnell von hier!«, schrie Antonia die Frauen an, aber die rührten sich noch immer nicht von der Stelle.

Das durfte doch nicht wahr sein! Die waren alle so verängstigt, dass sich keine von ihnen von der Stelle rühren wollte!

»Sie hat recht«, erklang eine liebliche und feine Stimme über das ängstliche Gewimmer der Frauen. »Folgt dem Tunnel auf der rechten Seite und ihr werdet frei sein.«

Woher kam denn diese Stimme. So sehr sich Antonia auch umsah, sie konnte die Frau einfach nicht sehen.

Die Gefangenen sahen sich der Reihe nach an. Schließlich lösten sich die ersten Frauen und schoben sich vorsichtig an Antonia vorbei durch die Tür. Dann rannten sie zu dem schmalen Tunnel gleich rechts neben der Zelle, den Antonia noch gar nicht gesehen hatte. Plötzlich rannten alle los. Ein dichtes Gedränge entstand, aber wie durch ein Wunder ging niemand zu Boden oder wurde verletzt. Nach wenigen Sekunden waren alle Frauen durch den schmalen Tunnel verschwunden. Nur eine war noch in er der Zelle und die sah nicht aus, als hätte sie Angst.

Sie war kleiner als Antonia und trug nur ein weißes Kleid, das um ihre Teile herum mit einem Ledergürtel gebunden war. Ihre braunen Locken ergossen sich wie ein Wasserfall über ihren Rücken. Ihr schmales Gesicht wurde von blauen Augen dominiert, die alles zu sehen schienen.

Eine weitere Erschütterung erinnerte Antonia an den Kampf der hinter ihr stattfand. Mit gebleckten Fängen drehte sie sich um, bereit, es mit dem Mantikor aufzunehmen. Das große Wesen sackte in sich zusammen und rührte sich nicht mehr. Konstantin hockte auf seinen Schulter. Sein Schwert steckte bis zum Heft im Fleisch des Wesens.

Er hatte den Mantikor getötet!

Als Konstantin sich erhob und sein Schwert aus dem toten Leib zog, machte Antonias Herz einen Hüpfer. Dieser Mann hatte etwas an sich, dem sie nicht Wiederstehen konnte.

Konstantin sprang mit einem Satz von dem Wesen herunter und schaute dann zu Antonia. Sein Lächeln galt aber nicht ihr, sondern der Frau hinter ihr. Ein Stich bohrte sich durch Antonias Herz, der ihre Freude sofort umbrachte.

Er lief zu der Frau und umarmte sie. Ein weiterer Stich bohrte sich in Antonias Herz.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte er die zierliche Frau, die Antonia mit Leichtigkeit zerbrechen konnte wie einen Ast.

»Ja, aber wir müssen jetzt gehen«, warnte die Frau ihn. »Der Großinquisitor ist aufgewacht und kommt schon hier herunter.«

»Gut, dann gehen wir«, beschloss Konstantin.

Er legte die Hand auf Kassandras Rücken und schob sie neben sich her aus der Zelle. Mit knirschenden Zähnen folgte Antonia den beiden in den schmalen Tunnel, durch den auch die Frauen geflohen waren.

 

Aus der Stadt hinaus zu kommen, war wesentlich einfacher als Antonia gedacht hatte. Aber was war schon schwer, wenn man eine Seherin an seiner Seite hatte, die immer genau wusste, wann sich ihnen eine Gefahr näherte. Oder wohin sie gehen musste, um der Gefahr zu entkommen. Hier auf der einsamen Straße mitten im Nirgendwo, eine Stunde Fußmarsch von Sevilla entfernt, hatte Kassandra endlich beschlossen sie zu verlassen. Konstantin nahm das allerdings nicht sonderlich gut auf. Er stand schon die ganze Zeit vor Kassandra und ihrem Pferd und wollte sie am Gehen hindern.

»Du wärst viel sicherer, wenn du bei uns bleibst«, versuchte er Kassandra zu überreden.

»Nein«, widersprach sie ihm. »Euer Weg ist noch lang. So vieles hängt von euch ab. Ich muss mich anderen Dingen widmen. Du weißt, dass ich recht habe.«

Konstantin wirkte allerdings nicht sonderlich glücklich. Dennoch trat er zur Seite und machte ihr den Weg frei. Sie beugte sich herunter zu ihm und legte ihm wieder die Hand auf die Wange.

»Wir sehen uns wieder. Ich finde dich, egal wo du hingehst, das weißt du doch«, fuhr sie fort.

»Ja, du weißt alles, das ist mir klar«, gab Konstantin zu.

Ein Lächeln tauchte auf ihrem Gesicht auf. Dann erhob sie sich, nickte Antonia noch einmal dankend zu und trieb ihr Pferd an.

Erst als sie außer Hörweite war trat Antonia näher an Konstantin heran. Er sah ihr noch immer hinterher, rannte ihr aber nicht nach. Der kalte Stein in Antonias Herz hatte ein wenig abgenommen.

»Wirst du mir jetzt endlich verraten, woher du dich berühmteste Seherin der Geschichte kennst?«, fragte sie ihn und versuchte ihren eifersüchtigen Unterton zu verbergen.

Konstantin sah sie an und musste lächeln.

»Als ich noch klein war erzählte mir mein Vater immer gerne die Geschichte seiner Mutter. Von der Seherin, der keiner glauben schenkte.«

Antonia sah Konstantin ungläubig an, aber er blieb ernst.

Nun schaute sie Kassandra nach, die auf ihrem Pferd kaum noch zu erkennen war. Dann sah sie Konstantin wieder an und wollte etwas sagen, aber er kam ihr zuvor. »Lass uns aufbrechen. Bis nach Marseille ist es ein weiter Weg.«

Er ging zu seinem Pferd ohne der Frau, die sich immer weiter entfernte, noch einmal nachzuschauen. Aber Antonia beobachtete sie noch einen Moment. Die letzte lebende Verwandte, die Konstantin noch hatte.